Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2019 Teil I)

Bildmontage: Plenarsaal (links), Campingplatz Lügde (rechts)

Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2019 Teil I)

Zehn Jahre lang sollen Kinder auf einem Campingplatz bei Lügde sexuell missbraucht worden sein. Hinweise an Polizei und Jugendämter wurden ignoriert, Beweismittel verschwanden.

Wann wussten die Behörden Bescheid?

Mai 2019: Wussten NRW-Innenministerium und Landeskriminalamt früher über das Ausmaß der Missbrauchsfälle Bescheid als zunächst angegeben? Das legt ein interner Polizeibericht nahe, der dem WDR-Magazin Westpol Anfang Mai vorliegt. Ihn hatte die Kreispolizei Lippe Mitte Januar an die Behörden geschickt und darin festgehalten, dass sich "Verdachtsmomente hinsichtlich einer Aktenmanipulation" beim Jugendamt Hameln ergeben hätten.

Dennoch dauert es bis Ende Januar, bis das Innenministerium die Ermittlungen an die größere Polizeibehörde in Bielefeld überträgt. Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärt sogar, er habe die Gesamthöhe der Straftaten erst Ende Januar erfahren. Nach dem Bekanntwerden des Berichts fordern die Grünen im Landtag einen Untersuchungsausschuss zum Fall Lügde.

April 2019: Im NRW-Innenministerium nimmt die neue Stabstelle Kindesmissbrauch ihre Arbeit auf (24.04.2019). Nach Angaben eines Sprechers ist die Gruppe um Kriminaldirektor Ingo Wünsch direkt Innenminister Herbert Reul (CDU) unterstellt. Die Stabsstelle soll strukturelle Defizite bei den Ermittlungen systematisch aufarbeiten und Vorschläge machen, wie Kinderpornografie und sexueller Missbrauch von Kindern effektiver bekämpft werden können.

Der Besitzer des Campingplatzes in Lügde beginnt am Dienstag (09.04.2019) damit, die Parzelle abzuräumen, auf der der mutmaßliche Kindesmissbrauch passiert ist. Bei den Abrissarbeiten werden vier weitere Datenträger gefunden. Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht darin kein Versagen der Polizei: "Wenn sie in Hohlräumen versteckt wurden oder dort hineingerutscht sind, kann man sie erst bei Abrissarbeiten finden."

Kurz darauf tauchen weitere Datenträger am mutmaßlichen Tatort auf. Reul schickt Beamte aus dem Ministerium nach Bielefeld, um "sich einen Eindruck der Ermittlungsarbeit und einen Überblick über die Abläufe zu verschaffen", wie das Ministerium sagt.

März 2019: Die Missbrauchsfälle von Lügde sind Thema im Landtag. Innenminister Herbert Reul (CDU) gibt am Donnerstag (14.03.2019) im Innenausschuss bekannt, dass die Zahl der Opfer auf 34 gestiegen ist und es 14 neue Verdachtsfälle gibt. Besonders brisant: Der Polizeibeamte, der zwei Wochen lang bis Anfang Januar die Ermittlungen in Lügde geleitet hat, sei jetzt wegen Strafvereitelung im Amt angezeigt worden. Es geht dabei um eine "Sexualstraftat zum Nachteil einer erwachsenen Frau".

Dieser Beamte sei der Ausbildungsbetreuer des jungen Polizeianwärters gewesen, der das Beweismaterial aus Lügde sichten sollte, so Reul. Dass das verschwunden ist, hält der Innenminister nicht mehr für Schlamperei, sondern für eine gezielte Entwendung. Schon bei früheren Ermittlungen, an denen der Beamte beteiligt war, seien Asservate verschwunden.

Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, ob das Gerichtsverfahren wegen des fehlenden Beweismaterials gefährdet sein könnte. Nein, sagt der zuständige Oberstaatsanwalt: Es gebe ja noch die Zeugenaussagen. Er will bis Ende April Anklage erheben, Anfang Juli könnte der Prozess in Detmold beginnen.

Versagen bei Missbrauchsfällen in Lügde

Stand: 26.06.2019, 14:13