Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2018-2019)

Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2018-2019)

Zehn Jahre lang sollen Kinder auf einem Campingplatz bei Lügde sexuell missbraucht worden sein. Hinweise an Polizei und Jugendämter wurden ignoriert, Beweismittel verschwanden.

Mai 2019: Auf dem Campingplatz seien Kinder dazu gezwungen worden, andere Kinder zu missbrauchen. Das geht aus dem Abschlussbericht der Polizei hervor, wie mehrere Medien am Montag (13.05.2019) berichten. Ein Kind soll eine Aussage bei der Polizei Bielefeld gemacht haben. Der Hauptbeschuldigte soll die Taten angewiesen und gefilmt haben. Es sollen auch Kinder dabei gewesen sein, während andere Kinder vergewaltigt worden sein sollen - sie mussten zusehen.

April 2019: Nach dem Missbrauchsfall von Lügde hat am Mittwoch (24.04.2019) im NRW-Innenministerium die neue Stabstelle Kindesmissbrauch ihre Arbeit aufgenommen. Nach Angaben eines Sprechers ist die Gruppe um Kriminaldirektor Ingo Wünsch direkt Innenminister Herbert Reul (CDU) unterstellt. Die Stabsstelle soll strukturelle Defizite bei den Ermittlungen systematisch aufarbeiten und Vorschläge machen, wie Kinderpornografie und sexueller Missbrauch von Kindern effektiver bekämpft werden können.

Der Besitzer des Campingplatzes in Lügde hat am Dienstag (09.04.2019) damit begonnen, die Parzelle abzuräumen, auf der der mutmaßliche Kindesmissbrauch passiert ist. Bei den Abrissarbeiten werden vier weitere Datenträger gefunden. Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht darin kein Versagen der Polizei: "Wenn sie in Hohlräumen versteckt wurden oder dort hineingerutscht sind, kann man sie erst bei Abrissarbeiten finden."

Kurz darauf tauchen weitere Datenträger am mutmaßlichen Tatort auf. Reul schickt Beamte aus dem Ministerium nach Bielefeld, um "sich einen Eindruck der Ermittlungsarbeit und einen Überblick über die Abläufe zu verschaffen", wie das Ministerium sagt.

März 2019: Die Missbrauchsfälle von Lügde sind Thema im Landtag. Innenminister Herbert Reul (CDU) gibt am Donnerstag (14.03.2019) im Innenausschuss bekannt, dass die Zahl der Opfer auf 34 gestiegen ist und es 14 neue Verdachtsfälle gibt. Besonders brisant: Der Polizeibeamte, der zwei Wochen lang bis Anfang Januar die Ermittlungen in Lügde geleitet hat, sei jetzt wegen Strafvereitelung im Amt angezeigt worden. Es geht dabei um eine "Sexualstraftat zum Nachteil einer erwachsenen Frau".

Dieser Beamte sei der Ausbildungsbetreuer des jungen Polizeianwärters gewesen, der das Beweismaterial aus Lügde sichten sollte, so Reul. Dass das verschwunden ist, hält der Innenminister nicht mehr für Schlamperei, sondern für eine gezielte Entwendung. Schon bei früheren Ermittlungen, an denen der Beamte beteiligt war, seien Asservate verschwunden.

Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, ob das Gerichtsverfahren wegen des fehlenden Beweismaterials gefährdet sein könnte. Nein, sagt der zuständige Oberstaatsanwalt: Es gebe ja noch die Zeugenaussagen. Er will bis Ende April Anklage erheben, Anfang Juli könnte der Prozess in Detmold beginnen.

Februar 2019: Verschwundene Beweise und noch mehr Beschuldigte

Die Zahl der Beschuldigten steigt am Dienstag (26.02.2019) auf sieben. Die siebte Person ist ein 16-Jähriger, der kinderpornografisches Material besessen haben soll. Laut NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sollen nun auch ältere Verdachtsfälle von Sexualstraftaten auf dem Campingplatz neu aufgerollt werden. "Es sieht aus, dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe."

Wenige Tage vorher war bekannt geworden, dass während der Ermittlungen Beweismaterial aus dem Polizeipräsidium Lippe verschwunden ist. Laut Reul handelt es sich um 155 CDs und DVDs aus dem Wohnwagen eines Verdächtigen. Der Innenminister spricht von einem "Polizeiversagen" und einem "Debakel", das ihn "fassungslos" mache. Am Freitag (22.02.2019) bestätigte Reul, dass die Sichtung der Filme, Fotos und Software offenbar durch einen Polizeianwärter, also einen jungen Polizisten in Ausbildung, erfolgt sei. Der Kripo-Leiter der Kreispolizeibehörde Lippe wird suspendiert.

Fall Lügde: "Die Kriminalpolizei ist ausgeblutet"

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.02.2019 05:32 Min. WDR 5

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Januar 2019: Die Polizei wird tätig

Die Polizei verhaftet zwei weitere mutmaßliche Täter: Einen 33-jährigen Mann aus Steinheim im Kreis Höxter und einen 48-Jährigen aus Stade in Niedersachsen. Die beiden stehen im Verdacht, kinderpornografisches Material hergestellt zu haben.

Einer soll sich an den Vergewaltigungen beteiligt haben. Die Ermittler übergeben dem Bundeskriminalamt 13.000 Kinderporno-Dateien.

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt nun einerseits gegen die Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe wegen möglichen Unterlassens oder strafrechtlich relevanten Handelns. Andererseits werde auch geprüft, "ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen", so Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Über eine eingerichtete Hotline gehen weitere Hinweise von Zeugen ein.

November 2018: Festnahme

Eine Zeugin meldet der Polizei in Detmold ihren Verdacht auf Kindesmissbrauch durch den 56-jährigen Mann aus Lügde. Im Dezember wird der Mann festgenommen. Bei Durchsuchungen in den Wohnräumen des Mannes und auf dem Campingplatz in Lügde finden die Ermittler umfangreiches Beweismaterial.

2018: Mutmaßlicher Täter zieht in Wohnung um

Der Haupttatverdächtige zieht nach 30 Jahren auf dem Campingplatz in eine Wohnung um - und vergewaltigt dort und in der Baracke nach bisherigen Erkenntnissen weiter Kinder.

Versagen bei Missbrauchsfällen in Lügde

Stand: 13.05.2019, 12:11