Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2008-2016)

Missbrauchsfälle Lügde: Chronik des Versagens (2008-2016)

Von Nina Magoley

Zehn Jahre lang sollen Kinder auf einem Campingplatz bei Lügde sexuell missbraucht worden sein. Es gab Hinweise an Polizei und Jugendämter. Gehandelt wurde aber nicht.

2016: Eine Jobcenter-Mitarbeiterin schöpft Verdacht

Der heute Hauptverdächtige wird vom Jobcenter Blomberg betreut. Dort notiert eine Mitarbeiterin ihren Verdacht, dass der Mann sein Pflegekind sexuell missbrauche. Sie informiert das Jugendamt Lippe. Von dort geht die Meldung an das Jugendamt Hameln-Pyrmont.

Noch am 30. Januar 2019 leugnet das Jugendamt Lippe, dass es diesen Verdacht damals gegeben habe. Einen Tag später gibt Amtsleiter Karl-Eitel John im WDR-Interview zu: Ihm sei damals zugetragen worden, dass das Mädchen gesagt habe, es könne "Männer nicht riechen".

Doch daraus sei kein sexueller Missbrauch abgeleitet worden und die Information sei ja auch an das Jugendamt Hameln-Pyrmont weitergegeben worden. Dort sei man nach Prüfung zu dem Schluss gekommen, das "alles in Ordnung" sei. "Wir kontrollieren nicht die Arbeit eines anderen Jugendamtes", sagt John.

2016: Mutmaßlicher Kinderschänder bekommt Pflegekind

Das Jugendamt überträgt dem Mann die Betreuung eines damals fünfjährigen Mädchens - auf Wunsch der im angrenzenden Landkreis Hameln-Pyrmont lebenden Mutter des Kindes. Der Mann habe alle Kriterien als Pflegevater erfüllt, wird eine Sprecherin des Landkreises später sagen.

Bei einem Hausbesuch im Januar 2017 habe es keine Anhaltspunkte gegeben, die gegen ihn gesprochen hätten. Auch die Wohnverhältnisse auf dem Campingplatz beanstandete das Jugendamt nicht.

Nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals wird der Leiter des Kreisjugendamts Lippe, Karl-Eitel John, am 30. Januar 2019 dem WDR gegenüber erklären: "Für das Pflegeverhältnis war das Jugendamt nicht involviert, (...). Nach unseren Kriterien hätte der 56-jährige Dauercamper keine Pflegschaft erhalten."

2008: Das Drama nimmt seinen Anfang

Der damals 46-jährige, arbeitslose Hauptverdächtige soll in seiner Behausung auf einem Campingplatz in Lügde zu diesem Zeitpunkt erstmals ein achtjähriges Mädchen missbraucht haben.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler sind es bald weitere Kinder, die dem mutmaßlichen Täter zum Opfer fallen - im Laufe der nächsten zehn Jahre mindestens 31 Mädchen und Jungen. So viele Opfer sind der Polizei bis Anfang Februar 2019 bekannt. Weder Eltern noch Lehrer oder andere Menschen aus dem Umfeld der Kinder meldeten in all den Jahren Verdacht an.

Versagen bei Missbrauchsfällen in Lügde

Stand: 22.02.2019, 08:00