Lügde-Prozess: Zwei Jahre auf Bewährung für Heiko V.

Lügde: Prozessbeginn mit vielen Fragen Westpol 23.06.2019 UT DGS Verfügbar bis 23.06.2020 WDR

Lügde-Prozess: Zwei Jahre auf Bewährung für Heiko V.

  • Zwei Jahre Haft auf Bewährung für Mittäter
  • Vorwurf: Im Live-Chat den Missbrauch verfolgt
  • Gutachter: Angeklagter nicht pädophil

Das Landgericht Detmold hat Heiko V. am Mittwoch (17.07.2019) zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt; unter anderem wegen Anstiftung und Beihilfe zu schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern.

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WDR RheinBlick 19.07.2019 28:40 Min. Verfügbar bis 19.07.2020 WDR Online

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Heiko V. hatte nach Ansicht des Gerichts viermal an Live-Chats teilgenommen, in denen Kinder auf dem Campingplatz in Lügde schwer sexuell missbraucht wurden. Außerdem besaß Heiko V. fast 40.000 kinderpornographische Video- und Foto-Dateien. Die Staatsanwaltschaft hatte zwei Jahre und neun Monate Haft gefordert.

Richterin: "Widerwärtige und schäbige Taten"

Aktenordner liegen auf dem Tisch eines Anwaltes. Über viele Jahre hinweg sollen Kinder auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hundertfach schwer sexuell missbraucht worden sein

Das erste Urteil im Lügde-Prozess ist gesprochen

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda richtete deutliche Worte an Heiko V. "Ihre Taten sind widerwärtig und schäbig, Sie haben Ihr sexuelles Verlangen über die Angst und das Leid der Kinder gestellt. Es war Ihnen einfach gleichgültig!" Heiko V. folgte dem Urteil mit gesenktem Haupt.

Entlastend sei gewesen, so Grudda, dass der Angeklagte seine Taten voll gestanden und sich beim Opfer, dessen Missbrauch er mehrmals live im Internet verfolgte und dazu anstachelte, entschuldigt habe. Das zeuge zumindest davon, dass sich Heiko V. seiner Verantwortung bewusst sei.

Gutachter: Heiko V. kommt aus schwierigen Verhältnissen

Zu Beginn der Verhandlung nahm der Dortmunder Psychiater Bernd Roggenwallner ausführlich Stellung. Er hatte Heiko V. begutachtet. Der Angeklagte habe eine durchaus schwierige Kindheit und Jugend durchlebt, so der Fachmann.

So seien seine Eltern relativ jung gestorben, Heiko V. habe die Hauptschule ohne Abschluss verlassen und danach verschiedene Jobs gehabt, zuletzt als Lkw-Fahrer. Seine Ehe sei gescheitert; aber Heiko V. habe sich nach jeder Krise wieder gefangen, auch wieder Partnerschaften gehabt.

Kinderpornos aus sexueller Langeweile geschaut

2007 sei Heiko V. dann nach eigenen Angaben auf kinderpornographische Internetseiten gestoßen. Für die Inhalte habe er sich dann unter anderem aus "Neugierde und sexueller Langeweile" interessiert und sie konsumiert, nachdem seine Ehe zerbrochen sei.

Auf einem Web-Portal sei er dann 2010 mit dem Hauptangeklagten im Lügde-Prozess, Andreas V., in Kontakt gekommen; dort gab es Live-Bilder zu sehen. Der Angeklagte hatte die Vorwürfe eingeräumt, an den Live-Chats teilgenommen zu haben. Er habe deswegen Hilfe gesucht, aber nicht in Anspruch genommen. Mit Kindern habe er im realen Leben keinen Kontakt aufgenommen, so Gutachter Roggenwallner.

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Gutachter: Heiko V. nicht pädophil

Heiko V. sei aber nicht pädophil, sagte der Gutachter, denn sein sexuelles Interesse habe sich nicht allein auf Kinder konzentriert. Heiko V. habe keine krankhafte sexuelle Störung; auch sei er nicht süchtig nach Kinderpornographie. "Nichtsdestotrotz besteht eine gewisse Rückfallgefahr", so der Gutachter. "Eine Therapie ist angeraten, um aufzuzeigen, was den Opfern angetan wurde." Heiko V. hat inzwischen einer Therapie zugestimmt.

Der Anwalt des Angeklagten Heiko V.

Anwalt Popkes im Gespräch mit Journalisten

Die Staatsanwaltschaft hatte für Heiko V. zwei Jahre und neun Monate Haft gefordert. Opferanwältin Zeliha Evlice ging darüber noch hinaus und wollte für Heiko V. eine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren.

Verfahren war abgetrennt worden

Das Verfahren gegen Heiko V. war bereits am zweiten Tag vom Prozess gegen die Hauptangeklagten Andreas V. und Mario S. abgetrennt worden. Anwalt Jann Popkes hatte das beantragt, denn "die Intensität der Übergriffe, um die es hier geht, und die Vorwürfe, die gegen meinen Mandanten erhoben werden, die kann ich an einer Hand abzählen", sagte der Anwalt. Popkes wolle die Vorwürfe aber nicht bagatellisieren.

Geständnis und Scham

Heiko V. hat bei der Polizei und vor Gericht ein Geständnis abgelegt. Außerdem sagt sein Verteidiger, dass V. sich schäme für das was er getan habe: "Er hat in der JVA genug Zeit gehabt, sein Tun zu reflektieren", so Popkes.

Stand: 17.07.2019, 20:31