Fall Lügde: Wissenschaftler sieht Hinweise auf Behördenversagen

Fall Lügde: Wissenschaftler sieht Hinweise auf Behördenversagen

Mehr als zehn Jahre sollen Kinder in Lügde missbraucht worden sein. Haben die Behörden versagt? Der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel sieht Hinweise darauf.

Wolfgang Seibel ist Professor für Politik und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz. Ein Forschungsschwerpunkt ist schwerwiegendes Organisationsversagen in der öffentlichen Verwaltung. Er hat zahlreiche Beispiele untersucht und ist der Frage nachgegangen, ob in den Behörden die richtigen Konsequenzen gezogen worden sind.

WDR: Die Missbrauchsfälle von Lügde sind erst seit kurzem öffentlich bekannt. Die Ermittlungen auch gegen Polizei und Jugendämter sind noch nicht abgeschlossen. Wie ist Ihre derzeitige Einschätzung: Gibt es Hinweise auf Behördenversagen?

Verwaltungswissenschaftler Professor Wolfgang Seibel

Wolfgang Seibel: Die gibt es eindeutig. Das betrifft sowohl die Polizei, als auch die zwei beteiligten Jugendämter in Lippe und im Landkreis Hameln-Pyrmont. Die Polizei hat offensichtlich nicht erkannt, dass es sich um ein Offizialdelikt handelt. Es sind Hinweise eingegangen. Bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch hätte die Polizei tätig werden müssen. Das hat sie aber nicht getan. Sie hat die Information lediglich an das zuständige Jugendamt übergeben, dort wurde aber auch nichts unternommen.

WDR: Nach derzeitigem Kenntnisstand haben die beiden beteiligten Jugendämter nur kurz miteinander kommuniziert. Die Behörde im Kreis Lippe hat sich offenbar auch nicht beim Kreis Hameln-Pyrmont rückversichert, wie nach dem Hinweis auf die Verwahrlosung weiter verfahren wurde.

Wolfgang Seibel: Hier war es tatsächlich so, dass für ein und dieselbe Person zwei Behörden zuständig waren und das in zwei Bundesländern. Das ist ein seltener Fall. Im Regelfall löst das besondere Koordinationsanstrengungen von Behörden aus. Das war hier aber offenbar nicht der Fall.  Vermutlich nicht aus bloßer Fahrlässigkeit, aber warum genau, das wissen wir eben noch nicht.

Missbrauch in Lügde: Opfer verdienen eine Entschuldigung

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 06.02.2019 02:30 Min. WDR 5 Von Tim Belke

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WDR: Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont hat auf der Pressekonferenz am Dienstag (05.02.2019) gesagt: Die Jugendämter sind immer Schuld, sie könnten es gar nicht richtig machen. Können sie das wirklich nicht oder ist das nur der Versuch, sich jetzt herauszureden?

Wolfgang Seibel: Auf den ersten Blick hat der Landrat nicht Unrecht. Die Jugendämter müssen dem Kindeswohl den Vorrang geben. Und das heißt dann unter Umständen, ein Kind den Eltern oder einem alleinerziehenden Elternteil wegzunehmen und in ein Heim oder eine Pflegefamilie zu geben. Aber dafür ist die gesetzliche und auch die moralische Schwelle natürlich sehr hoch. Und insofern kann man sagen, was die Jugendämter auch tun, sie machen es immer falsch. Sie können eine Gefährdung des Kindeswohls nicht rechtzeitig erkennen, aber sie können natürlich auch überreagieren.

Aber der Fall in Lügde liegt ja ganz anders. Dort hatte ein Jobcenter, bei dem der inzwischen als Hauptverdächtige geltende Andreas V. einen Termin hatte, die Jugendämter in Lippe und Hameln über Anspielungen des Mannes auf möglichen sexuellen Missbrauch eines mit ihm auf dem Campingplatz lebenden Mädchens unterrichtet. Trotzdem hat das Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont Andreas V. die Pflegschaft über eben dieses Mädchen übertragen und ihm nach den gesetzlichen Bestimmungen dafür monatlich 1.000 Euro gezahlt. Das ist schon ein unglaublicher Vorgang, und wie es dazu kommen konnte, muss natürlich lückenlos geklärt werden.

WDR: Die Landräte der beiden betroffenen Kreise haben sich deutlich vor ihre Mitarbeiter gestellt, warnen vor Vorverurteilungen und möglichen "Bauernopfern". Ist das aus Ihrer Sicht richtig?

Wolfgang Seibel: Es ist verständlich, ob es richtig ist, wird sich erweisen. Ich kann nur hoffen, dass sich die beteiligten Landräte die Fälle vorher genau angesehen haben. Das scheint nicht in jeder Hinsicht der Fall gewesen zu sein.

Stand: 06.02.2019, 18:45