Missbrauchsfall von Lügde - Ermittlungsverfahren schon 2002

Ein weiterer Beschuldigter im Fall Lügde

Missbrauchsfall von Lügde - Ermittlungsverfahren schon 2002

Von Arne Hell (WDR) und Britta von der Heide (NDR)

  • Einer der mutmaßlichen Haupttäter hätte schon vor Jahren auffliegen können
  • Ermittlungen schon in 2002
  • Verdacht auf Missbrauch eines knapp vierjährigen Mädchens

Einer der mutmaßlichen Haupttäter vom Campingplatz Lügde hätte schon vor Jahren auffliegen können. Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung war 2002 ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen Andreas V. gestartet worden.

Annika (Name geändert) ist Ende der 90er Jahre mit ihrer Familie im Urlaub, auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde im Kreis Lippe. Sie ist damals noch keine vier Jahre alt und malt gerne Mandalas aus. Auf dem Campingplatz habe es einen Mann gegeben, der für sie solche Mandalas ausdrucken konnte. So hat es Annika heute als erwachsene Frau der Polizei geschildert. Dieser Mann ist Andreas V.

An einem Tag des Urlaubs soll Annika von Andreas V. zurückgekommen sein und zu ihrer Mutter gesagt haben, Penis lecken schmecke nicht. Die Mutter ist alarmiert, verbietet ihrer Tochter, dort wieder hinzugehen.

Zwei Jahre später stellt die Mutter Strafanzeige gegen ihren Ehemann. Sie verdächtigt ihn des Missbrauchs an der Tochter. In der Anzeige beschreibt sie gegenüber der Staatsanwaltschaft Köln auch die Situation auf dem Campingplatz und berichtet der Polizei, dass ihre Tochter gesagt habe, das sei der "Addi" gewesen. Der damalige Staatsanwalt folgt nur einer von zwei Spuren. Nämlich der Spur, dass der Vater das Kind missbraucht habe. Andreas V. bleibt unbehelligt.

Lügde: Prozessbeginn mit vielen Fragen Westpol 23.06.2019 UT DGS Verfügbar bis 23.06.2020 WDR

Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer von der Staatsanwaltschaft Köln begründet die Entscheidung von damals so: "Nur wenn ein Anfangsverdacht vorliegt wegen einer Straftat darf die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen. Und die vagen Vermutungen, die die Mutter zunächst mal in Richtung des Unbekannten vom Campingplatz geschildert hat, haben eben aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht ausgereicht, um eben diesen Anfangsverdacht zu begründen."

Im Jahr 2002 bekräftigt Annikas Vater die Vorwürfe gegen Andreas V. vom Campingplatz Lügde und benennt ihn mit vollem Namen. Diesmal wird nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung ein offizielles Verfahren eingeleitet und über das Landeskriminalamt NRW an die zuständige Staatsanwaltschaft Detmold weitergegeben.

Unklar ist, was dort genau unternommen wurde. Dazu wollte sich die Staatsanwaltschaft auf Anfrage nicht äußern. Auch nicht dazu, ob und wann das Verfahren eingestellt worden ist. Sicher ist nur: Bei der Kriminalpolizei Lippe wird der Vorfall in einer händisch geführten Liste vermerkt und dort erst 2019 wieder entdeckt.

Heute schätzt die Polizei Annikas Aussage als "äußerst glaubhaft" ein. Ihr Fall gehört zu denen, die Andreas V. ab Donnerstag (27.06.2019) vor Gericht vorgeworfen werden. Der Beschuldigte schweigt zu den Vorwürfen. Sein Anwalt hat sich auch auf Anfrage nicht dazu geäußert.

Annikas Schicksal ist nicht der einzige Fall, an dem sich zeigt, dass Behörden nicht konsequent gehandelt haben. Schon 2016 war die Polizei Hinweisen nicht ausreichend nachgegangen, 2008 hatte es eine Anzeige gegen Andreas V. gegeben.

"Mein Empfinden ist da relativ klar. Ich bin da fassungslos und finde es schade, fürchterlich, dass das so gelaufen ist", erklärt NRWs Innenminister Herbert Reul: "Was aus diesen weiteren Hinweisen in der Vergangenheit geworden ist, konnten wir bisher noch nicht aufklären. Da kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft drum. Es wäre natürlich schlimm, wenn das Leid der Kinder noch früher hätte gestoppt werden können."

Im Prozess vor dem Landgericht Detmold ist ab Donnerstag auch ein zweiter Beschuldigter angeklagt, der auch auf dem Campingplatz in Lügde gelebt hat, Mario S. Ihm wird der sexuelle Missbrauch von 17 Kindern vorgeworfen.

Der Verteidiger von Mario S., Jürgen Bogner, erklärte gegenüber WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, er erwarte von seinem Mandanten eine geständige Einlassung. Abgesprochen sei ein Geständnis durch Verlesung des Anwalts sowie eine persönliche Ansprache von Mario S.

Die ARD sendet am Mittwoch, den 26.06. um 22:45 die Dokumentation "Lügde – die Kinder, die keiner schützte".

 

Stand: 26.06.2019, 16:00