Ex-Bischof gesteht "schwere Fehler" beim Umgang mit Missbrauch

Ex-Bischof Werner Thissen räumt Fehler ein

Ex-Bischof gesteht "schwere Fehler" beim Umgang mit Missbrauch

  • Fehlende Distanz zu Beschuldigten
  • Fehlender Kontakt zu Opfern
  • Fehlendes Problembewusstsein

Im Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat der ehemalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen schwere Fehler in seiner Zeit in Münster eingestanden. Er war jahrelang Personalverantwortlicher, Generalvikar und Weihbischof im Bistum Münster.

In einem Interview mit der Bistumszeitung gibt er zu, dass den Verantwortlichen damals eine ausreichende Distanz zu den geistlichen Tätern gefehlt habe: "Diejenigen, die des Missbrauchs beschuldigt wurden, waren ja Priester, die wir gut kannten. Da kommt sehr schnell der Mitleidseffekt auf."

Vertrauen in Therapierbarkeit

Der 80-Jährige bezeichnete es als "schweren Fehler", als Personalverantwortlicher im Bistum Münster ab den 1970er Jahren "überzogen und unrealistisch" auf die Therapierbarkeit von Tätern vertraut zu haben. Man habe ohne jegliche Standards professioneller Personalführung gearbeitet.

Nach Bekanntwerden eines Missbrauchsfalls sei der Täter einem anerkannten Arzt und Therapeuten überstellt worden. Im Nachhinein müsse er sagen : "Wir haben das von uns weggeschoben auf ihn."

Wenn der Priester nach Ansicht des Arztes "stabilisiert" gewesen sei, wurde er zunächst in einem Bereich ohne Kontakt zu Kindern und später bei Zustimmung des Therapeuten auch wieder in der normalen Pfarrseelsorge eingesetzt.

Opfer kaum im Blick

Der frühere Bischof Werner Thissen im Gespräch mit einem Journalisten

Der frühere Bischof Werner Thissen im Gespräch mit der Bistumszeitung Kirche + Leben

Thissen bezeichnet es in dem Interview als großen Fehler, dass er in dieser Zeit zu den Opfern kaum Kontakt hatte. Auch habe er keine Vorstellung davon gehabt, "was für ein Schaden bei einem jungen Menschen angerichtet wird durch Missbrauch".

Die Verantwortlichen hätten damals nicht gewusst, "dass sexueller Kindesmissbrauch ein weit verbreitetes gesellschaftliches Übel ist, an dem wir als Kirche erheblichen Anteil haben".

Lernprozess und Aufarbeitung

Bei ihm und in der Bischofskonferenz habe es aber inzwischen einen Lernprozess gegeben, sagte Thissen, der von 2003 bis 2014 das Erzbistum Hamburg leitete. Seit 2010 sei in der Kirche eine andere Sprache eingekehrt.

In einer Stellungnahme begrüßt Münsters Bischof Felix Genn die Äußerungen Thissens. Er sei dankbar, dass der ehemalige Generalvikar sich zu Fehlern bekenne und Verantwortung übernehme. "Dass dabei, wie es Werner Thissen selbst sagt, die Betroffenen nicht im Blick waren, bleibt für uns heute unverständlich."

Genn sicherte eine unabhängige Aufarbeitung zu. Das Bistum hat einen Historiker der Uni Münster beauftragt, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester, Diakone oder Ordensleute zu untersuchen.

Stand: 06.11.2019, 15:21