Eine besondere Migrationsgeschichte: Oya Birel-Memege

Stand: 17.05.2022, 13:03 Uhr

Ihre Mutter kam in den 1970er Jahren als geschiedene Frau aus der Türkei nach Aachen. Sie lernt einen neuen Mann kennen, Oya wird geboren. Heiraten darf sie ihn trotzdem nicht. Oya lebt inzwischen im Sauerland, in Drolshagen. Für das Projekt "Erzähle Deine Geschichte" hat sie ihr Leben aufgeschrieben – und das ihrer Mutter. Wir sprechen mit ihr im Interview darüber.

WDR: Wie sehen Sie sich – als Türkin oder Deutsche?

Starke Frau als Gastarbeiterin

05:16 Min. Verfügbar bis 24.03.2023

Oya Birel-Memege: Ich bin ich. Ich möchte von den Anderen auch so gesehen werden, unabhängig vom Migrationshintergrund.

WDR: Warum machen Sie beim Projekt "Erzähle Deine Geschichte" mit?

Birel-Memege: Mir war wichtig, dass diese Geschichte Herzen berührt und dass sie für Empathie sorgt in der Gesellschaft, um Klischees abzubauen. Denn so anders sind wir nicht.

WDR: Warum haben Sie dann die Geschichte Ihrer Mutter aufgeschrieben?

Oya Birel-Memege

Oya Birel-Memege erzählt ihre Geschichte und die ihrer Mutter beim Projekt "Erzähle deine Geschichte".

Birel-Memege: Ich habe mich hingesetzt und dann ist das alles so aus mir rausgeflossen. Und es ist ja auch meine Geschichte.

WDR: Was ist das für eine Geschichte?

Birel-Memege: Es ist eine Erfolgsgeschichte, obwohl meine Mutter emotional in Deutschland gescheitert ist. Aber sie hat wunderbare Töchter erzogen, die selbstständig sind, unabhängig und auf eigenen Beinen stehen.

WDR: Sie sagen emotional gescheitert?

Birel-Memege: Meine Mutter kam als geschiedene Frau nach Deutschland und lernte hier meinen Vater kennen. Heiraten durften die beiden nicht, weil seine Eltern in der Türkei eine geschiedene Frau nicht akzeptierten. Dann wurde meiner Mutter schwanger, in der Hoffnung als Braut akzeptiert zu werden.

Oya Birel-Memege

Oya Birel-Memge ist 42 Jahre alt. Deutsche mit türkischem Pass. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Drolshagen. Oya-Birel Memege hat in Köln studiert und arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin.

WDR: Eine trügerische Hoffnung?

Birel-Memege: Mein Vater wurde in die Türkei zurückgepfiffen – unter dem Vorwand, sein Vater sei krank. In der Türkei wurde er dann verheiratet. Auch Männer können verheiratet werden…

WDR: Ihre Mutter war dann alleinerziehend in einem fremden Land – Ende der 1970er Jahre.

Alte schwarz-weiß Bilder der bereits verstorbenen Mama Oyas

Fatma Bilge, Oyas Mutter, kam in den 70er Jahren als Gastarbeiterin nach Deutschland.

Birel-Memege: Meine Mutter war Produktionshelferin bei Lindt in Aachen. Sie hat versucht, dass es mir an nichts fehlt. Meine Schwester – aus der ersten Ehe meiner Mutter in der Türkei – kam ja erst später zu uns. Wir hatten alles: Schulbildung, Spielzeug, Ballettunterricht.

WDR: Ihr Vater blieb in der Türkei. Sie waren hier in Deutschland. Was war die Türkei für Sie?

Birel-Memege: Sie wuchs mir mehr und mehr ans Herz, je älter ich wurde. Wir besuchten oft die Familie meiner Mutter in Istanbul. Meinen Vater nur einmal, glaube ich. Immer, wenn ich wieder nach Deutschland musste, habe ich geweint. Meine Mutter hat das nicht verstanden.

WDR: Was war Ihre Mutter für eine Frau?

Birel-Memege: Eine starke Frau, für die Ehre wichtig war. Wir sollten uns immer ehrenhaft verhalten. Ihr war wichtig, dass wir selbstständig sind. Nie von anderen abhängig, vor allem nicht von einem Mann.

WDR: Das Leben Ihrer Mutter in Deutschland ist anders verlaufen, als geplant. Hat Ihre Mutter damit gehadert?

wg

Oya Birel-Memege verbringt gerne viel Zeit mit ihrer Familie.

Birel-Memege: Da ist immer eine Melancholie in ihrem Blick gewesen, eine Traurigkeit. Die Sache mit meinem Vater war ein harter Schlag. Das hat sie ihr ganzes Leben begleitet, aber sie war kämpferisch.

WDR: Sie arbeiten heute als Übersetzerin und Dolmetscherin. Hat das mit Ihrer Geschichte zu tun?

Birel-Memege: Für meine Mutter musste ich als Kind immer übersetzen. Heute bin ich diejenige, die für andere Sprachbarrieren überwindet. Ich lebe das Leben, das meine Mutter immer für mich wollte und dass sie mir mit viel Mühe geebnet hat. Mama, ich verbeuge mich vor dir.

Das Interview führte Katja Brinkhoff.

Projekt "Erzähle deine Geschichte"

„Erzähle deine Geschichte“ ist ein Projekt in Olpe, in dem Menschen mit Migrationshintergrund ihre Lebensgeschichte im Internet aufschreiben. Ins Leben gerufen hat das Projekt die Schriftstellerin Barbara Peveling. Sie war Regionsschreiberin in Olpe. Bisher haben 12 Menschen ihre Geschichte aufgeschrieben. Die Macher des Projekts – die Initiativen „Willkommen in Olpe“ und „Jüdisch in Attendorn“ suchen weitere Geschichten. Zu lesen sind die Geschichten unter www.geschichten-aus-suedwestfalen.de.

Über dieses Thema berichtet der WDR am Dienstag, 17. Mai 2022 um 19:30 Uhr im WDR Fernsehen in der Lokalzeit Südwestfalen.