Bielefelder Studie: Zustimmung zur Integration von Eingewanderten rückläufig

Willkommenskultur

Bielefelder Studie: Zustimmung zur Integration von Eingewanderten rückläufig

Mehr Deutsche stimmen einer neuen Studie der Universität Bielefeld zufolge einer Willkommenskultur gegenüber Einwanderern zu, äußern jedoch zunehmend Vorbehalte gegenüber einer Beibehaltung kultureller
Eigenheiten der Migranten.

Wer grundsätzlich offen gegenüber Einwanderung ist, hat nicht immer eine positive Einstellung zur Integration, erklärte der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick am Montag bei der Vorstellung der aktuellen Zugehörigkeits- und Gleichwertigkeitsstudie "ZuGleich", die die Universität Bielefeld und die Mercator Stiftung aus Essen ertstellt haben.

Viele Befragte fordern absolute Anpassung von Eingewanderten

Nur noch 48 Prozent der Bevölkerung befürworten demnach Integration, wollen also Eingewanderten ihre kulturelle Identität weiter zugestehen und sie zugleich an der Gesellschaft hierzulande teilhaben lassen.

Fast jeder Dritte Befragte meint hingegen, Eingewanderte sollten ihre eigene kulturelle Prägung aufgeben, sich absolut an die Mehrheitsgesellschaft anpassen, erläuterte Co-Autorin Nora Rebekka Krott.

Weitere zehn Prozent sprechen Zugewanderten ihre eigene kulturelle Identität zwar nicht ab, wollen sie aber in Deutschland nicht teilhaben lassen. Und ebenfalls jeder Zehnte verwehre Zugewanderten sowohl den Erhalt der eigenen Identität als auch gesellschaftliche Teilhabe.

Forscher: "Kultur der Abwehr" auszumachen

Aus Sicht der Studienautoren "erschreckend": Eine wachsende Gruppe verlange Vorrechte für sich als vermeintlich Etablierte. Gut 38 Prozent stimmten der Aussage zu: "Wer in Deutschland neu ist oder später hinzukommt, soll sich mit weniger zufriedengeben".

Man habe eine "Kultur der Abwehr" ausgemacht und eine deutliche Zunahme bei der bei der Abwertung von Geflüchteten (28 Prozent) und bei Muslimfeindlichkeit festgestellt, die bei gut jedem dritten Befragten zutagegetreten sei.

Integration verlange Bemühungen von allen, auch den Eingesessenen, betonte Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld. Die Achtung der kulturellen Eigenschaften von Hinzugekommenen und die Anerkennung einer Gleichwertigkeit seien zentral für Integration. Hier hapere es aber deutlich.

Messlatte für Integration liegt höher

Deutschunterricht

Außerdem zeigt die Studie: Im Vergleich zu 2014 legten die Befragten die Messlatte für Integration höher.

Als Kriterien für eine Zugehörigkeit von Einwanderern zu Deutschland nannten sie laut der Studie vor allem die Beherrschung der deutschen Sprache (94 Prozent), gefolgt von der Achtung der politischen Institutionen und Werte (93 Prozent und eine Erwerbstätigkeit (86 Prozent).

Weniger bedeutsam waren Eigenschaften wie "Christ sein" mit 27 oder "in Deutschland geboren" zu sein mit 26 Prozent.

Wenig interkultureller Austausch

Allerdings wurde die "ZuGleich"-Studie dieses Mal während der Corona-Einschränkungen im vergangenen November erhoben. In dieser Zeit fand laut Studienleiter Zick kaum interkulturelle Begegnung statt, und viele Menschen hatten mit großen persönlichen und sozialen Belastungen zu kämpfen.

Ein Drittel der Befragten sieht sich Rassimus-Tendenzen ausgesetzt

Voditelj studije profesor Andreas Zick sa Univerziteta u Bielefeldu

Studienteilnehmer waren sowohl Menschen mit Migrationsgeschichte als auch ohne. Rund ein Drittel der Befragten, die nach Deutschland eingewandert sind, sieht demnach sich rassistischen Tendenzen ausgesetzt. „Nur Teilhabe in Arbeit und Bildung reichen nicht aus“, so Andreas Zick.

Zick plädierte dafür, kulturelle Vielfalt sichtbarer zu machen und deren Akzeptanz durch Migrationsbildung, Einbürgerungen und die Stärkung von Migrantenorganisationen zu fördern.

Für die Studie wurden den Angaben zufolge zwischen November 2020 und Januar 2021 insgesamt 2.005 Menschen telefonisch befragt. 71 Prozent davon seien in Deutschland geboren, 32 Prozent hätten selbst eine Einwanderungsgeschichte, hieß es.

Rassismus bremst Integration

Der Schutz der Migranten vor Rassismus sei eine Minimalanforderung, die ein Einwanderungsland wie Deutschland leisten müsse. „Rassismus bremst den Prozess der Integration“, sagt der Konflikt- und Gewaltforscher Zick.

Das Forschungsteam plädiert für eine Perspektive auf Migranten, die kulturelle Prägungen und Unterschiede einschließt, diese jedoch nicht überbetont. Die Studie wird seit 2014 alle zwei Jahre erhoben.

"Vor Ort" - Fotogeschichten zur Migration

WDR 3 Kultur am Mittag 18.06.2021 08:34 Min. Verfügbar bis 18.06.2022 WDR 3


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Stand: 16.08.2021, 16:59