Diagnose Magersucht - und dann kam auch noch Corona

Diagnose Magersucht 04:08 Min. Verfügbar bis 30.11.2022

Diagnose Magersucht - und dann kam auch noch Corona

Von Elli Konstantinidis

Marie ist 16 Jahre alt und magersüchtig. Seit zwei Jahren kämpft sie täglich gegen die Stimme im Kopf. Eine Stimme, die ihr immer wieder sagt, dass sie zu dick sei.

Bereits im ersten Lockdown nahm sie immer mehr ab, im zweiten Lockdown kam dann der komplette Absturz. Marie musste vier Monate in einer Klinik behandelt werden.

Heute wird sie intensiv betreut, ihr Essverhalten wird kontrolliert. Im Interview erzählt sie von ihrer Krankheit und der großen Angst vor einem erneuten Lockdown. 

WDR: Marie, wie würdest du Magersucht und deine Gedanken dazu beschreiben?

Marie: Von der Wahrnehmung her ist es wie so eine Stimme, die in deinem Kopf ist und die ganze Zeit sagt: "Du machst das falsch, du bist zu dick, du bist nicht schön genug." Man will einfach nur noch unsichtbar sein, man will einfach auch gar nicht mehr da sein. Man hat nicht das Gefühl, dass man so viel Wert hat, dass man Platz in der Welt einnehmen kann.

"Durch Corona in ein Loch gefallen"

Wenn man kleiner und schmaler wird, dann braucht man ja auch weniger Platz. Es ist immer krass, das so zu sagen, aber es ist ja eigentlich eine sehr, sehr langsame Form von Suizid. Weil man einfach auch gar nicht mehr auf der Welt sein möchte und es einem auch egal ist, was mit seinem Körper passiert.

WDR: Wie fing es bei dir an?

Marie in der Beratungsstelle "La Vie" in Siegen

Marie fühlte sich lange Zeit zu dick.

Marie: Ich hatte so vor zwei Jahren immer das Gefühl, dass ich zu dick bin und habe mich in meinem Körper überhaupt nicht wohl gefühlt. Dann habe ich gedacht, wenn ich jetzt ein bisschen gesund esse und Sport mache, dann nehme ich ab und danach ist wieder alles gut.

"Lehrerin zu verdanken, dass ich noch da bin"

Als dann Corona kam, hatte ich plötzlich ganz viel Zeit, um mich mit diesem Gedanken noch mehr auseinanderzusetzen. Die Schule ist weggebrochen, Freizeit, Freunde. Und dann ist man in so ein Loch reingefallen, man hatte nichts mehr, was einen irgendwie da rausholen konnte. Man ist praktisch komplett unsichtbar geworden.

WDR: Was ist dann passiert?

Marie: Ich habe immer mehr abgenommen. Tagelang sogar fast nichts mehr gegessen. Meine Eltern haben sich große Sorgen gemacht, aber sie konnten nicht direkt etwas an der Situation ändern. Du bist gefangen in einem Teufelskreis, lässt andere auch nicht an dich heran.

Dann, am ersten Präsenztag nach der langen Zeit daheim, hat mich meine Lehrerin direkt auf mein Gewicht angesprochen. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich heute noch hier bin. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Sie hat ohne zu zögern alle weiteren Schritte in die Wege geleitet - unter anderem auch die Beratung bei LaVie in Siegen.

WDR: Du musstest in diesem Jahr sogar für vier Monate in die Klinik. Wie war das für dich?

Marie: Anfangs habe ich mich vehement dagegen gesträubt. Ich wollte nicht noch mehr isoliert werden, wollte nicht nach den Regeln fremder Menschen leben. Doch nach einigen Tagen merkte ich, wie gut mir die Betreuung vor Ort tat. Im Nachhinein war es eine der besten Zeiten. Ich habe Freunde gefunden, habe Menschen getroffen, die mich verstanden haben, die auf mich eingegangen sind. Ich habe endlich gelernt, mich und meinen Körper zu verstehen. Es war manchmal hart - jedoch war es eine wichtige und wertvolle Zeit.

Marie

Marie ist 16 Jahre alt und seit zwei Jahren magersüchtig. Bereits im ersten Lockdown nahm die Schülerin aus Siegen immer mehr ab, im zweiten Lockdown kam der komplette Absturz. Marie musste vier Monate in einer Klinik behandelt werden. Heute wird sie intensiv betreut.

WDR: Wie geht es dir heute?

Marie bereitet das Essen zu

Marie musste den Umgang mit Essen erst neu lernen.

Marie: Der Umgang mit Essen ist immer noch schwer. Für mich ist das wie Insulin spritzen. Ich brauche das halt. Ich mache das auch. Es ist jetzt nicht schön, man muss sich jedes Mal da durchquälen. Aber ich weiß, dass ich es brauche zum Leben. Das habe ich in den vergangenen Monaten gelernt. Und deswegen ist es auf jeden Fall auch wichtig. 

WDR: Was für ein Ziel hast du?

Marie: Ich würde gerne in irgendeinem Sinne nicht mehr den ganzen Tag ans Essen denken, nicht mehr den ganzen Tag diese destruktiven Gedanken haben und würde gerne mein Leben normal leben können. Ich würde total gerne mich im Spiegel sehen und sagen können - es ist in Ordnung, dass du so bist wie du bist. Das wäre schön.

WDR: Hast du Angst vor einem erneuten Lockdown?

Marie: Ja, habe ich. Ich habe Angst davor, wieder in alte Denkmuster und Tagesabläufe abzurutschen. Angst davor, wieder allein zu sein. Ich weiß, ich habe jetzt Menschen, die für mich da sind. Mit LaVie habe ich eine Beratungsstelle, an die im mich auch im Notfall täglich wenden kann. Das hatte ich in der ersten Lockdown-Zeit nicht.

Ein Porträt von Marie

Marie fürchtet einen weiteren Lockdown.

Und doch hoffe ich, dass ein erneuter Lockdown nicht kommt. Ich bin einfach noch nicht stabil genug. Das merke ich tagtäglich. Der Kontakt zu anderen, der Austausch, aber auch Ablenkung wie Sport, sich mit Freunden treffen sind für mich enorm wichtig. Wenn das erneut wegfallen würde, weiß ich nicht, was passiert.

Das Interview führte Elli Konstantinidis.

Stand: 02.12.2021, 06:00