Fall Lügde: Rolle des Jugendamtes im Kreis Höxter wird untersucht

Bildmontage: Plenarsaal (links), Campingplatz Lügde (rechts)

Fall Lügde: Rolle des Jugendamtes im Kreis Höxter wird untersucht

Von Oliver Köhler

Im Fall des hundertfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern auf einem Campingplatz im lippischen Lügde gerät das Jugendamt im Kreis Höxter erneut in den Mittelpunkt der Untersuchungen.  

Der parlamentarische Untersuchungsausschuss im nordrhein-westfälischen Landtag zum Fall Lügde hat zu seiner heutigen Sitzung weitere Zeugen geladen: eine Mitarbeiterin des Jugendamtes und zwei Polizisten der Kreispolizei Höxter.

Keine Hinweise auf sexualisierte Gewalt

Die 28-jährige Mitarbeiterin des Jugendamtes Höxter gab heute vor dem Untersuchungsausschuss an, sie sei insgesamt nur drei Monate mit dem Fall befasst gewesen. Die Akte sei schon 400 Seiten dick gewesen, als man ihr den Fall übergab. Sie selbst habe in der Zeit ihrer Zuständigkeit keinerlei Hinweise auf sexualisierte Gewalt bekommen.

Kleines Mädchen nicht ausreichend geschützt?

Es geht um ein damals 8-jähriges Mädchen. In den Akten wird sie „Daniela“ genannt, was aber nicht ihr wirklicher Name ist. Durch ihrem Patenonkel Mario S., einem der Haupttäter von Lügde, wurde "Daniela" auf dem Campingplatz über lange Zeit sexualisierte Gewalt angetan. Mario S. wurde rechtskräftig zu einer langen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.  

Regelmäßige Familienhilfe des Jugendamts

Damals wurden "Daniela" und ihre Mutter vom Jugendamt Höxter betreut. Es schickte regelmäßig eine Familienhilfe, die bei der Erziehung unterstützen sollte. Die Mutter habe dieses freiwillige Angebot gut angenommen, sagte eine Mitarbeiterin des Jugendamtes jüngst im U-Ausschuss. Die Gefahr sexualisierter Gewalt sei nicht thematisiert worden.

Jugendamt: Keine Gefährdung

Einmal während ihrer Zuständigkeit, so die Mitarbeiterin, habe es den Hinweis einer Nachbarin gegeben, dass das Kind öfter am Fenster stehe und weine. Die Polizei habe das überprüft. Es wurde festgestellt, dass keine Gefährdung vorliege.

Erfahrung und Qualifikation

Die Jugendamts-Mitarbeiterin bezeichnet sich als sehr erfahren - obwohl sie zum damaligen Zeitpunkt erst 26 Jahre alt war. Sie hat allerdings keine bestimmte Qualifikation und auch keine Zusatzausbildung für den Bereich sexualisierte Gewalt oder Gespräche mit Kindern, die möglicherweise Opfer wurden.

Noch etliche Zeugen bis Jahresende

Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses erhoffen sich von ihnen weitere Aufklärungen. Und sie werden nicht die letzten Zeugen aus dem Kreis Höxter sein. Bis Ende des Jahres sollen noch etliche mehr gehört werden, sagte U-Ausschuss-Mitglied Jürgen Berghahn (SPD) aus Lippe dem WDR.

Missbrauchshinweise schon 2015 und 2017

Zunächst gab es aus "Danielas" Grundschule eine Meldung über eine Kindeswohlgefährdung. Dieser Verdacht hatte sich aus Sicht des Jugendamtes nicht bestätigt. Zwei Jahre später kam der nächste Hinweis. Diesmal von einer Frau, die Daniela bei Kontakten zu ihrem Vater begleitete. Dieser ist wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft.

Kontaktverbot nicht nachgehalten

Der Frau ging es bei ihrem Hinweis allerdings um Mario S., einem Freund von Danielas Vater. Mario S. versuche "Kontrolle über das Kind" zu bekommen, berichtete die Frau. "Daniela" übernachte sogar in seinem Bett. Das Jugendamt Höxter verbot daraufhin zwar den Kontakt, jedoch wurde die EInhaltung des Verbotes offenbar nicht überwacht.

Verdacht auf Aktenmanipulation im Raum

Jetzt stellte sich heraus, dass die Akte von "Daniela" nachträglich "ergänzt" wurde, so Jürgen Berghahn. Die Teamleiterin im Jugendamt Höxter sagte dazu vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, dass dies ein normaler Vorgang sei. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Paderborn hat jedenfalls Ermittlungen aufgenommen. Sie prüft, ob der Akteninhalt möglicherweise geschönt wurde.

Mit ersten Ermittlungsergebnisse sei voraussichtlich Mitte März zu rechnen, sagte ein Sprecher dem WDR.

Stand: 18.02.2021, 15:49