Missbrauchsfall Lügde: Ermittlungen gegen Behördenmitarbeiter eingestellt

Ordner mit der Aufschrift: "Lügde" im Gerichtssaal

Missbrauchsfall Lügde: Ermittlungen gegen Behördenmitarbeiter eingestellt

  • Behörden war kein Vorsatz nachzuweisen
  • Opferanwalt zeigt sich entsetzt
  • Laut Kinderschutzbund entsteht "falscher Eindruck"

Im Missbrauchsfall Lügde hat die Detmolder Staatsanwaltschaft sämtliche Verfahren gegen Behördenmitarbeiter eingestellt. Es bestehe kein hinreichender Tatverdacht mehr, bestätigte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch (11.03.2020).

Damit müssen zwei Polizisten und zehn Beschäftige, die für die Jugendämter im Kreis Lippe und im Nachbarkreis Hameln-Pyrmont gearbeitet hatten, keine juristischen Konsequenzen mehr befürchten. Grund für die Ermittlungen waren Pannen bei den beteiligten Behörden.

Vorsatz nicht erkennbar

Laut Staatsanwaltschaft sei nicht nachzuweisen, dass die Polizisten erste Hinweise gegen den Haupttäter vorsätzlich nicht weiterbearbeitet hätten. Ähnlich lautet die Argumentation bezüglich der Jugendämter. Die Mitarbeiter seien nicht von einem möglichen sexuellen Missbrauch ausgegangen, weil das betroffene Kind nicht verhaltensauffällig gewesen sei.

Missbrauch sei nicht offensichtlich gewesen

"Es hat zweifellos Pannen bei Polizei und Jugendämtern gegeben", sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter dem WDR. Diese seien aber für die aktuelle juristische Entscheidung nicht ausschlaggebend gewesen.

Für die ermittelnden Polizisten, aber auch die Jugendamtsmitarbeiter in Lippe und Hameln Pyrmont sei der langjährige Missbrauch eines Pflegekindes auf dem Campingplatz in Lüdge nicht ohne Weiteres erkennbar gewesen. Es sei nicht nachweisbar, dass frühzeitige Hinweise darauf nicht bearbeitet wurden, so Vetter.

Der Fall Lügde: Jugendhilfe ohne Standards Westpol 09.02.2020 UT DGS Verfügbar bis 09.02.2021 WDR

Opferanwalt ist entsetzt

Roman von Alvensleben, einer der Opferanwälte im Missbrauchsprozess, ist entsetzt: "Der Staat hatte die Möglichkeit, Vertrauen zurückzuerobern. Die Jugendämter sind berufen, Obacht zu geben und haben es offensichtlich nicht. Polizeibehörden haben nachlässig gehandelt. Es sind CDs verschwunden und am Ende soll alles nichts gewesen sein. Das hat ein Geschmäckle und das wird es auch immer behalten". Wie die offensichtlichen Fehler der Behörden strafrechtlich zu bewerten sind, hätte am besten ein öffentlicher Prozess zeigen können, so von Alvensleben.

Kinderschutzbund fordert besseres Schutzsystem

„Durch die Entscheidung entsteht nach außen ein falscher Eindruck“, kritisiert Krista Körbes, Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes in Nordrhein-Westfalen. Es gebe schwerwiegende strukturelle Probleme im Kinderschutz-System. „Wir brauchen Strukturen in Behörden und Organisationen, die es erlauben, wichtige Fakten zu besprechen, weiterzuleiten und zeitnah zu handeln“.

Sozialdezernent spricht von "Erlösung"

Lippes Sozialdezernent Karl-Eitel John hingegen nannte die strafrechtliche Entlastung seiner Mitarbeiter wörtlich "eine Erlösung". Die Öffentlichkeit müsse beim Thema sexueller Missbrauch aber wachsam bleiben und Vorfälle weiter melden.

Ermittlungen wegen verschwundener CDs eingestellt

Auch das mysteriöse Verschwinden von 155 CDs und DVDs aus einem Polizeibüro wird nicht weiter verfolgt. Laut Staatsanwaltschaft hätten sich in dem Koffer vermutlich keine Dateien mit pornographischem Inhalt befunden. Der Verbleib dieser Asservate bleibt weiter ungeklärt.

Stand: 12.03.2020, 07:48