Oberstaatsanwalt wirft Polizei vor: "Da ist etwas falsch gelaufen"

30.01.2019, Detmold: Staatsanwalt Ralf Vetter spricht bei einer Pressekonferenz zu dem Festnahmen im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch auf einem Campingplatz.

Oberstaatsanwalt wirft Polizei vor: "Da ist etwas falsch gelaufen"

  • Bereits 2016 Hinweise auf Missbrauch
  • Polizei leitete keine Ermittlungen ein
  • Kinderschutzbund fordert Konsequenzen

Im Fall des mutmaßlichen sexuellen Missbrauchs von mindestens 29 Kindern in Lügde wirft Oberstaatsanwalt Ralf Vetter der Polizei Lippe Fehler vor. Bereits im Jahr 2016 lagen der Polizei und den Jugendämtern zwei Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch den Hauptverdächtigen vor, doch weitere Ermittlungen wurden nicht eingeleitet.

Deutliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch

Eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg hatte zum Beispiel im November 2016 einen "deutlichen Hinweis darauf gegeben, dass hier ein sexueller Missbrauch stattgefunden haben könnte", sagt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter dem WDR. So habe der beschuldigte Pflegevater unter anderem im Gespräch mit der Mitarbeiterin erzählt, dass sein Mädchen "für Süßigkeiten alles" tue. Doch dieser Hinweis wurde von der Polizei Lippe nur als Prüffall eingeordnet. Die Polizei habe sich mit der Aussage der Jugendämter begnügt, man hätte keinen Hinweis auf sexuellen Missbrauch gefunden, möglichweise habe die Jobcenter-Mitarbeiterin etwas "falsch verstanden" . "In diesem Fall ist sicherlich etwas falsch gelaufen", kritisiert der Oberstaatsanwalt Vetter.

Update Missbrauchsfall Lügde WDR aktuell 01.02.2019 01:35 Min. Verfügbar bis 01.02.2020 WDR

Kinderschutzbund informierte Polizei

Mutmaßlicher Tatort ist ein Campingplatz

Mutmaßlicher Tatort ist ein Campingplatz

Einen weiteren Hinweis gab es zwei Monate vorher im August 2016. Auch der Kinderschutzbund Hameln-Pyrmont war informiert. Nach dem Beratungsgespräch mit einem besorgten Vater, habe man das ortsansässige Jugendamt und eine Polizeidienststelle im Kreis Lippe informiert, sagte Manuela Groth, 1. Vorsitzende des Ortsvereins Pyrmont (Kinderschutzbund), dem WDR.

Polizei leitetet keine weiteren Ermittlungen ein

"Die Äußerungen des Vaters haben uns in Alarmbereitschaft versetzt", so Groth. Der Vater hatte mit seinen beiden Kleinkindern Kontakt zum Hauptbeschuldigten gehabt und erzählte, dass der sich Kinder auf die Schulter setze. Dabei hätte er gesagt, "dass die Wärme im Nacken des Geschlechtteils von Mädchen sehr angenehm sei".

Zu oft nicht gründlich genug hingesehen

Der Kinderschutzbund hätte sich einen "intensiveren Blick auf die Kinder" gewünscht. In ihrem Verhalten hätte man etwas merken können: "Das kann nicht spurlos an denen vorbei gegangen sein", kritisiert Groth.

Da auch bei diesem Fall von der Polizei keine weiteren Ermittlungen eingeleitet wurden, war der Vorfall bei der späteren zweiten Meldung nicht bekannt, erläutert Oberstaatsanwalt Vetter.

Änderung im Kinder- und Jugendhilferecht gefordert

Der Bundesverband des Kinderschutzbundes fordert inzwischen Konsequenzen nach den Missbrauchsfällen auf dem Campingplatz in Lügde. So sei eine Änderung im Kinder- und Jugendhilferecht wichtig, sagt Vize-Präsidentin Sabine Andresen: "Wir fordern, dass Fremdmelder, die auch Geheimnisträger sind, wie beispielsweise Ärzte oder Fachkräfte der freien Träger, künftig in die Gefahrenabschätzung einbezogen... und nicht im Dunkeln gelassen werden." Außerdem solle eine Untersuchungskommission eingerichtet werden, die mit externen Fachleuten besetzt ist.

Stand: 01.02.2019, 14:45