Skandal von Lügde: Wie die Stadt den Makel loswird

Polizeiauto am mutmasslichen Tatort in Lügde

Skandal von Lügde: Wie die Stadt den Makel loswird

  • Ansehen von Lügde beschädigt
  • Experte rät zu völliger Transparenz
  • Solingen als Vorbild
Christian Scherg

Christian Scherg

Der Missbrauchsskandal von Lügde hat das Ansehen der Stadt im Kreis Lippe schwer beschädigt. Bürgermeister Heinrich Josef Reker beklagt, dass die Bürger von Lügde seit dem Bekanntwerden des Verbrechens häufig angefeindet werden. "Wir sind Tatort, aber nicht Täter." Christian Scherg aus Düsseldorf ist Experte für Krisenkommunikation und Reputationsmanagement. Wir haben mit ihm über den Fall Lügde gesprochen.

WDR: Lügde war jahrzehntelang als Stadt der Osterräder bekannt. Nun ist der Name der Stadt mit einem der größten Missbrauchsfälle der deutschen Geschichte verbunden. Gibt es Auswege?

Christian Scherg: Der einzige Ausweg ist letztlich eine lückenlose Aufarbeitung. Es muss immer deutlich sein, dass die Stadt sich um völlige Transparenz bei der Aufklärung bemüht.

WDR: Bei der Aufklärung der Verbrechen ist aber eher nicht die Stadt gefragt, sondern Polizei und Staatsanwaltschaft.

Scherg: Als Stadt muss ich mich auf die Bereiche konzentrieren, in denen ich tatsächlich etwas bewirken kann. Das wäre in diesem Fall die Prävention. Man könnte zum Beispiel Bürgerversammlungen einberufen, in denen darüber diskutiert wird, wie man Kinder in Zukunft besser schützen kann. Oder man kann die kommunale Jugendhilfe besser ausstatten, um Fälle von Missbrauch früher zu erkennen.

WDR: Ist das die Aufgabe der Stadtverwaltung?

Flammendes Osterrad

Die Osterräder rollen

Scherg: Auch, aber nicht nur. Die Bürger der Stadt sorgen sich zurecht, dass mit dem Finger auf sie gezeigt wird, dass sie völlig zu Unrecht selbst mit den Verbrechen identifiziert werden. Deshalb sollten Bürgerinitiativen und Vereine unbedingt einbezogen werden. Jeder Bürger von Lügde sollte ein Botschafter sein, der dabei hilft, das Ansehen der Stadt wiederherzustellen.

WDR: Kann eine Stadt nach einem solchen Verbrechen den Imageverlust überhaupt eingrenzen?

Scherg: Ganz verhindern lässt sich ein Schaden nicht. Aber mit einem guten Krisenmanagement stehen die Chancen gut, dass der Makel nicht ewig an der Stadt hängenbleibt. Aber dazu ist echter Aufklärungswille nötig. Wenn Fehler passiert sind, müssen sie unbedingt offengelegt werden. Nichts verschweigen, nichts beschönigen. Erst dann gibt es wieder Raum für positive Botschaften.

Missbrauchsfall Lügde: SPD fordert Kinderschutzkommission

WDR 5 Morgenecho - Interview 22.05.2019 05:09 Min. Verfügbar bis 21.05.2020 WDR 5

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WDR: Auch Solingen hat lange unter dem verheerenden Brandanschlag in den 90er-Jahren gelitten. Könnte das ein Vorbild sein?

Scherg: Die Stadt hat sich intensiv mit diesem Verbrechen auseinandergesetzt und eine Erinnerungskultur entwickelt. Es hat zwar gedauert, aber inzwischen ist Solingen wieder in erster Linie als die Klingenstadt bekannt. Je schlimmer das Verbrechen, desto länger dauert so etwas. Manche Wunden heilt nur die Zeit.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Stand: 24.05.2019, 12:47