Fall Lügde: Weitere Ermittlungspanne

Ein Geräteschuppen mit Kamerateam

Fall Lügde: Weitere Ermittlungspanne

Von Britta von der Heide und Martin Teigeler

  • Möglicherweise Beweismaterial vernichtet
  • Videokassetten bei Abrissarbeiten entdeckt
  • Innenminister und Polizei weiter in der Kritik

Im Fall des mutmaßlich massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde sind schon wieder weitere Datenträger aufgetaucht. Bei Abrissarbeiten am mutmaßlichen Tatort wurden laut Informationen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vom Montag (15.04.2019) mehrere Videokassetten gefunden. Außerdem sollen die Ermittler einen Schuppen des Hauptbeschuldigten übersehen haben.

Mehr als zehn Videokassetten hat der Abbruchunternehmer im Bauschutt gefunden, der von Abrissarbeiten auf der Parzelle des Hauptverdächtigen stammt. Bereits vergangene Woche waren dort bei den Abrissarbeiten mehrere CDs und Disketten gefunden worden.

Sollte Herbert Reul wegen Lügde zurücktreten?

WDR 4 Zur Sache 15.04.2019 02:11 Min. WDR 4

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Abrissunternehmer widerspricht Polizei

Polizei und Staatsanwaltschaft hatten in der vergangenen Woche mitgeteilt, die Datenträger hätten in einem Zwischenraum eines doppelten, fest verbauten Bodens gelegen. Gegenüber Reportern von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung sagte der für den Abriss zuständige Unternehmer Christopher Wienberg, er habe das nie gesagt. Er wisse nicht, wo die CDs und Disketten verborgen waren. Laut Wienberg seien die Abrissarbeiten von der Polizei nicht überwacht worden – das habe ihn und seine Mitarbeiter verwundert.

Reporter wiesen Polizei auf Schuppen hin

Die Polizei Bielefeld und die Staatsanwaltschaft Detmold räumte am Montagabend in einer Stellungnahme nicht nur den neuerlichen Fund der Datenträger ein. Sie habe am Montag "auf dem Campingplatz in Lügde einen Geräteverschlag, der dem Hauptbeschuldigten zuzuordnen ist, festgestellt", hieß es.

Auf diesen Schuppen wurden die Beamten durch Reporter von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hingewiesen. Bei einer Durchsuchung des unverschlossenen Verschlags seien Werkzeuge und Metallschrott gefunden worden, jedoch keine Beweismittel, so die Ermittler. Unerwähnt ließen Polizei laut Rechercheverbund, dass der Abrissunternehmer den Schuppen längst ausgeräumt hatte.

Daten werden ausgewertet

Die Polizei ist derzeit dabei, neu aufgetauchte Datenträger auszuwerten. Wie Staatsanwaltschaft und Polizei am Montag schriftlich mitteilten, sind bislang keine relevanten Daten darauf zu erkennen. Da das Material beschädigt ist, lässt sich den Angaben zufolge aktuell nur eine CD teilweise auslesen.

Reul in der Kritik

Grünen-Innenexpertin Verena Schäffer

Grünen-Innenexpertin Verena Schäffer

Der politische Druck auf Innenminister Herbert Reul (CDU) steigt. Am Wochenende hatte die SPD Reuls Rücktritt gefordert. Der innenpolitische Sprecher der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag, Hartmut Ganzke, beschreibt die Ermittlungen als "das reinste Chaos". Der Minister müsse erklären, "warum die Polizei offensichtlich nicht in der Lage war, alle Spuren und Beweismittel am Tatort zu sichern", sagte die Grünen-Innenexpertin Verena Schäffer.

Dies gelte etwa für die Durchsuchung möglicher Verstecke, wie eines doppelten Bodens. "Zudem frage ich mich, warum während der Abrissarbeiten weder Polizei noch Staatsanwaltschaft zugegen waren", so Schäffer. Reul müsse jetzt "zügig und transparent" aufklären.

Auf dem Campingplatz in Lügde soll ein 56-jähriger Dauercamper mit einem Komplizen (33) über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft.

Stand: 16.04.2019, 19:32

Kommentare zum Thema

13 Kommentare

  • 13 Dorte 17.04.2019, 10:15 Uhr

    Es wird aller höchste Zeit, dass der für die dortige Polizei verantwortliche Landrat Bartels (SPD) abgelöst wird. Reul muss den Mist ausmisten den die Genossen in der Vergangenheit zu einem riesigen Misthaufen haben anwachsen lassen.

  • 12 Submarine 17.04.2019, 09:05 Uhr

    Hallo, also diese Serie an "Pannen" lässt nichts Gutes erahnen. Da sind wohl einige Herrschaften Nutznießer des Missbrauchs und behindern die Arbeit der Polizei und der Behördenmitarbeiter.

  • 11 Heinz 16.04.2019, 19:36 Uhr

    Schafft endlich die Beamten ab. Die haben kein Interesse, Verantwortung, Elan, Einsatzbereitschaft. Bei Verfehlungen passiert nichts, außer Versetzung (Ruhezustand) bei vollen Bezügen ??

    Antworten (1)
    • Nina 16.04.2019, 20:36 Uhr

      Leider wahr. Beamten gehts finanziell zu gut. Volle Bezüge, Pension und nach dem 1. des Monats muss man eben nur noch 30 Tage bequem rumkriegen. Jeder Privatermittler wäre engagierter gewesen.

  • 10 Herr 16.04.2019, 14:31 Uhr

    Herr Reul ist nur der Chef von den unfähigen Polizei- und anderen Behördenbeamten. Nicht mehr und nicht weniger. Es bleibt zu unterstellen, dass von Seiten der Polizei und anderer Behörden Beteiligte involviert sind, die in der Sache kräftig vertuschen. Das ist der eigentliche Skandal. Oder ist es unvorstelllbar, dass bei Jugendamt und Polizei oder Staatsanwaltschaft Pädophile arbeiten? Darum gehts doch hier unter´m Strich!

    Antworten (1)
    • Perfressor 16.04.2019, 15:01 Uhr

      Ja genau, Sie bringen es sehr gut auf den Punkt. Ich pflege es "hohe Tiere" (der Begriff umfasst alles denkbare) zu nennen, die da involviert sind und deren Beteiligung man vertuschen will.

  • 9 Desiree 16.04.2019, 13:46 Uhr

    Wieso hört man nie etwas von den Campingplatz Betreibern? Ein so reger Besuch muss doch aufgefallen sein.

  • 8 Bernie F. 16.04.2019, 13:15 Uhr

    Nichts gegen die Recherche der ARD Medien und der SZ, aber hat auch schon mal einer darüber nachgedacht, dass der Abrissunternehmer sich in den Medien etwas "wichtig tun will"??? Dennoch, es muss rückhaltlos aufgeklärt werden. Was diese Behördenpannen allerdings mit einem Rücktritt von Minister Reul zu tun hat, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Für mich populistisches Wahlmanöver der SPD u. Grünen vor Ostern, wenn Reul im verdienten Urlaub ist und der WDR macht das "Getöse" der SPD auch noch mit!

  • 7 von mir 16.04.2019, 13:02 Uhr

    Ich finde es gut wie sich Herr Reul ensetzt und in der Öffentlichkeit mit der Aufarbeitung dieser entsetztlichen Geschehen umgeht. Das was anscheinend die Polizei, Staatsanwaltschaft, sonstige Behörden... verbrochen haben gilt es Schnellstmöglich abzuschaffen. Dort muss anscheinend dringend neues Personal her!

  • 6 Querdenker 16.04.2019, 12:43 Uhr

    Bei Verdacht auf 5g Hasch werden ganze Autos zerlegt und bei bewiesenen Verbrechen passiert... viel Unverständliches... Beweise verschwinden, andere werden nicht gefunden, involvierte Beamte sind einschlägig vorbestraft... und an die Presse geht man vorrangig mit Aktionen über Clan-Kriminalität... wer soll hier wirklich geschützt werden?

  • 5 Pflichtfeld 16.04.2019, 11:51 Uhr

    Das die SPD, die für den jahrelangen Schlendrian in der Sicherheitspolitik in NRW verantwortlich ist, den Rücktritt von Reul verlangt ist lachhaft!!! Vollkommen schleierhaft ist mir, dass dieses Verhalten von der Presse "kommentarlos" (Im wahrsten Sinne des Wortes!) durchgewunken wird....

    Antworten (1)
    • Atze 16.04.2019, 12:21 Uhr

      Selbst wenn die SPD den Schlendrian hat walten lassen, darf dann Herr Reul so handeln und sich auf die möglichen Fehler der SPD beziehen? Natürlich nicht, er steht ein für die Ermittlungen in Lügde, da kommt ja nahezu täglich eine neue Betrachtungsweise zutage. Die SPD hat damit nichts zu tun, das verantwortet Herr Reul und seine Behörden.

  • 4 Wolfgang Erbe 16.04.2019, 10:50 Uhr

    Staatliches komplett Versagen - gilt das auch für die Zukunft der Opfer?

    Antworten (1)
    • Perfressor 16.04.2019, 14:20 Uhr

      An die Opfer denkt keiner. Hier geht es darum, hohe Tiere vor Strafe zu bewahren. Am Ende wird man eben nicht wissen, wen man sonst noch alles zur Rechenschaft hätte ziehen müssen, aber was weg ist, ist weg. Man muss bedenken, dass Beweismittel oft einmalig sind und bei einem Verlust der Beweis unwiederbringlich verloren ist.

  • 3 Perfressor 16.04.2019, 10:27 Uhr

    Ich verfolge diesen Fall schon länger und ich hoffe, dass den anderen Lesern auch auffällt, dass die angeblichen "Pannen" sehr seltsam sind. Ich erinnere nur daran, dass hier auch Jugendämter in den Fall verwickelt sind. Was hier Fakt ist, dass Beweismittel immer wieder verschwinden - und das ist kein Zufall. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Ich wurde vom Jugendamt wochenlang rechtswidrig weggesperrt - ohne Gerichtsbeschluss und unter Missachtung aller Garantien, die unsere Rechtsordnung vorsieht. Der Fall ging damals durch Presse und Rundfunk und sorgte für Entsetzen auf politischer Ebene. Und was folgte als es an die Aufklärung ging? Die Strafverfolgungsbehörden machten keinen Finger krumm, um sachgerecht zu ermitteln, was als erstes bedeutet hätte, die Beweismittel, ich betone: Beweismittel, zu sichern. Stattdessen: vertuschen, boykottieren, beschönigen. Das Ergebnis: Die Beweismittel - in meinem Fall die Akten - waren am Ende verschwunden und damit alle fein raus.

    Antworten (3)
    • Atze 16.04.2019, 12:25 Uhr

      Kein Jugendamt hat die Befugnisse, jemanden wochenlang ohne richterliche Anhörung und Beschluss, wegzusperren. Das gibt es in unserem Land nicht, da holt einen jeder Rechtsanwalt binnen kürzester Zeit aus der Haft. Welcher Rechtsanwalt war denn da mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt, das muss ja ein Top-Anwalt gewesen sein.

    • Perfressor 16.04.2019, 13:45 Uhr

      Natürlich hat ein Jugendamt nicht das Recht dazu. Deshalb ist es ja rechtswidrig. Und an einen Rechtsanwalt, bzw. zur Wahrnehmung seiner Rechte muss man erstmal kommen. Wenn alle Kontakte nach außen unterbunden werden (was man in der Presse noch großkotzig als Kontaktsperre bezeichnet hat) und Briefe angehalten werden, dann versuche mal, dein Recht geltend zu machen. Sprich, wenn alle Mechanismen, die solche Willkür verhindern sollen, umgangen/missachtet werden. Politiker haben sich in der Presse empört, dass es sowas nicht einmal im Gefängnis gibt - ist alles archiviert. Also, was macht man, damit keiner drankommt? Beweismittel - Akten - beiseite schaffen. Angeblich sind sie bei einem Wasserschaden abhanden gekommen. Und nun kann man nicht mehr nachweisen, wer wann wo und wie was konkret angeordnet/vollzogen hat. Toll was?

    • Perfressor 16.04.2019, 13:56 Uhr

      Übrigens hatte der Skandal zur Folge, dass ich bei bestehender Schulpflicht jahrelang nicht beschult wurde, weil sich das Jugendamt für allmächtig hielt und es nie für nötig gehalten hat, die Schulaufsichtsbehörde zu informieren. Im Verwaltungsverfahren bei der Schulaufsichtsbehörde wurde das Unrecht Jahre später anerkannt und aufgrund dessen eine Reihe von Ausnahmegenehmigungen erteilt, sodass ich weit über der Altersgrenze die Regelschule besuchen und mit dem Abitur abschließen durfte. Strafrechtlich wurde aber nie einer vom Jugendamt zur Rechenschaft gezogen. Die Strafverfolgungsbehörden rührten keinen Finger und bis ich selbst an die Beweismittel ran wollte, waren die Akten beseitigt. Gerade das letztere ist es, was mich im Fall Lügde an meinen Fall erinnert. Da kommen die Beweismittel schon fast von selbst angelaufen und man würde sie am liebsten wieder wegschicken. Man drückt sie Augen zu! Da von "Pannen" zu sprechen ist fast schon zynisch.