Die Schulrevolution in Siegen: Lernbüros statt Stundenplan

Schulklasse bei der Arbeit mit Tablets

Die Schulrevolution in Siegen: Lernbüros statt Stundenplan

Von Markus Krczal

An einer Gesamtschule in Siegen soll ein völlig neues Lehrkonzept den Schulalltag bereichern. WDR-Reporter Markus Krczal hat es sich angeschaut. Ein Erfahrungsbericht.

Ich fühle mich ein bisschen wie auf einer Zeitreise. Wieder in die Schule zu gehen, weckt gemischte Gefühle. Gerüche, Geräusche - vieles ist vertraut und positiv besetzt, manches aber auch mit der Angst vor einer Prüfung oder einem bestimmten Lehrer verbunden. Klar, für manche Fächer habe ich mit Begeisterung gelernt, andere wiederum waren die größte Qual.

Das neue Konzept an der Gesamtschule in Siegen-Geisweid greift seit Beginn des Schuljahres 2021/22. Es soll den Unterricht effektiver und damit angenehmer machen - sowohl für die Schülerschaft als auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Punkt eins: Einen Stundenplan, wie ich ihn noch aus meiner Schulzeit kenne, gibt es nicht mehr.

Eigenverantwortliches Lernen

Schüler:innen arbeiten mit den Tablets

Alltag in Geisweid: die Arbeit mit Tablets

Der Tag ist in Zeiträume gegliedert, die die Kinder und Jugendlichen eigenverantwortlich füllen. Das machen sie an Tablets, mit denen hier alle schon länger ausgestattet sind. Wer gerade Lust auf Mathe hat, macht Mathe, wer noch für Englisch lernen muss, macht Englisch.

Damit ist Punkt zwei schon klar: Die Lehrerinnen und Lehrer sind in einzelnen Räumen präsent, die Schülerinnen und Schüler suchen sie auf - in ihren Lernbüros. Aber kann das funktionieren? Junge Menschen mit so viel Verantwortung in der Schule?

Ein Lehrer spricht mit zwei Schülern

Lehrer Jan-Martin Klinge in seinem Lernbüro

"Auf jeden Fall mehr, als wir oder viele gedacht haben", sagt Lehrer Jan-Martin Klinge. "Die Corona-Pandemie und das Lernen von zu Hause aus haben gezeigt, dass es viel mehr positive Erfahrungen und Entwicklungen gegeben hat als befürchtet. Wer seinen Lernalltag selber planen darf, fühlt sich motiviert und handelt selbstbewusster. Das ist gut für später im Berufsleben."

Rahmenvorgaben bleiben unberührt

Das heißt natürlich nicht, dass es keine Zielvorgaben gibt. Was wer erreichen muss und welche Fächer in welchen Schuljahren erledigt werden müssen, ist nach wie vor der Rahmen, den die Schule erfüllen muss. Aber in diesem neuen Modell steckt mehr Eigeninitiative - für die Schülerschaft, aber auch für die Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Zeit in den Lernbüros anders gestalten müssen als früher.

Ein Tablet illustriert den neuen Stundenplan der Schüler:innen

Der neue Plan: Lernbüros, Werkstätten und Beratungsstunden

Außerdem können die Schülerinnen und Schüler eigene Werkstätten vorschlagen - in Musik etwa eine Hip Hop- oder eine Klassik-Werkstatt. An eigenen Projekten zu arbeiten, macht einfach viel mehr Lust aufs Lernen, sagen mir die Schüler.

Lernfortschritt wird besprochen

Damit niemand abgehängt wird, gibt es einen digitalen Lebenslauf für jede Schülerin und jeden Schüler. Darin werden Fortschritte festgehalten, und die werden mit den Betroffenen in den Beratungsstunden besprochen.

Ganz ehrlich, sofort habe ich dieses System nicht verstanden. Mittlerweile finde ich es aber auch gut, gerade als Vater von drei Kindern. Ich bin gespannt, wie es nach ein paar Monaten laufen wird nach dieser radikalen Veränderung.

Lernbüros statt Schulstunde an Gesamtschule 03:18 Min. Verfügbar bis 01.09.2022

Stand: 01.09.2021, 15:37