Leben mit Parkinson: Interview mit Dr. Maren Neumann-Aukthun

Diagnose: Parkinson 04:04 Min. Verfügbar bis 30.06.2021

Leben mit Parkinson: Interview mit Dr. Maren Neumann-Aukthun

Dr. Maren Neumann-Aukthun aus Ense leidet seit 15 Jahren an Parkinson. Die Diagnose warf die Tierärztin zuerst komplett aus der Bahn. Anfangs ignorierte sie die Krankheit. Ein Fehler, wie sie jetzt sagt. Vor 5 Jahren findet sie in der Malerei eine Beschäftigung, die ihr Halt und Mut gibt, sich zu öffnen. Heute sagt sie: Wir müssen offen mit der Krankheit umgehen!

WDR: Wie machte sich die Krankheit bei Ihnen bemerkbar?

Dr. Maren Neumann-Aukthun: Die Symptome konnte ich anfangs nicht klar deuten. Ich merkte nur, wie meine Schulter beim Walken nicht mitkam. Das war der Anfang. Der Walklehrer riet mir, das genauer untersuchen zu lassen. Der Orthopäde schickte mich direkt zum Neurologen. Für ihn stand relativ schnell fest – Parkinson.

WDR: Wie ging es Ihnen nach der Diagnose?

Neumann-Aukthun: Nach der Diagnose brach eine ganze Welt zusammen. Ich bin nach Hause gefahren und habe versucht, es zu ignorieren. Nicht nur Tage oder Wochen – mehrere Jahre wollte ich die Symptome und die Diagnose nicht wahr haben.

WDR: Wie ging es weiter?

Neumann-Aukthun: Irgendwann konnte ich die Symptome nicht mehr leugnen. Sie wurden mit den Jahren immer schlechter. Zudem wurden die Kommentare aus meinem Umfeld immer schlimmer. Ich war gezwungen, es endlich zu akzeptieren. Zu meinem eigenen Wohl, aber auch zum Wohl meiner Familie.

WDR: Welche Kommentare gab es?

Neumann-Aukthun: "Wohl noch nichts zum Frühstück getrunken?" oder "Tu doch nicht so alt". Kommentare, die weh tun und einen sehr belasten. Ich isolierte mich immer mehr.

WDR: Wie ging es Ihnen zu diesem Zeitpunkt?

Neumann-Aukthun: Die Veränderung war unheimlich schwer zu akzeptieren. Das Gesicht verändert sich, die Körperhaltung verändert sich. Man wird steifer in der Muskulatur und Menschen können das nicht mehr deuten. Man hat das Gefühl, man lacht, aber man verzieht keinen Gesichtsmuskel. Das ist das Schwierige. Man wird ernster angesehen, als man in dem Moment wirklich ist. Es ist ein Teufelskreis.

WDR: Können Sie beschreiben, wie sich Parkinson anfühlt?

Neumann-Aukthun: Es fühlt sich an wie am Strand eingebuddelt zu sein und plötzlich eine tonnenschwere Last auf dem Körper zu haben. So fühlt es sich an, wenn man mit Parkinson und Steifheit zu tun hat. Ganz plötzlich ist man eingemauert in die Erde. Der Kopf bewegt sich, die Gedanken bewegen sich. Aber man schafft es nicht mal, einen kleinen Finger zu bewegen, das macht Sorge und auch richtig Angst.

WDR: Nach ein paar Jahren haben Sie für sich entschieden, offen mit der Krankheit umzugehen? Was war der Auslöser?

Neumann-Aukthun: Eines Tages habe ich mich in einem Schaufenster gesehen und bin im ersten Moment zurückgeschreckt. Durch meine Körperhaltung war deutlich sichtbar, dass ich mich verändert habe, dass die Krankheit mich verändert hat. Ich bin gebrechlicher geworden und das hat sehr geschmerzt. Der Schmerz hat jedoch auch etwas in mir ausgelöst.

WDR: Was genau?

Neumann-Aukthun: Ich wusste, ich darf genau diesen Schmerz nicht mehr zulassen. Ich muss den Leuten erzählen, warum ich so bin und es nicht verstecken. Mir war klar: Ich muss andere Menschen über die Krankheit und den Verlauf informieren, Missverständnisse aus dem Weg räumen und anderen Betroffenen Mut machen, es öffentlich zu machen. Wir dürfen uns nicht verstecken.

WDR: Die Malerei hat Ihnen zudem dabei geholfen sich zu öffnen?

Neumann-Aukthun: Die Malerei hat mein Leben in den vergangenen Jahren enorm bereichert. Das ist meine Konzentration auf meine Unruhe, die durch den Parkinson in mir steckt. Da vergehen Stunden, in denen ich manchmal gar nicht weiß, wo sie geblieben sind. Es passiert sogar, dass ich die Krankheit für eine Zeit vergesse.

WDR: Was möchten Sie anderen Betroffenen sagen?

Neumann-Aukthun: Wir müssen lernen, offen mit der Krankheit umzugehen, die Unsicherheit ablegen. Hier bin ich, so bin ich - das ist das Bild eines veränderten Lebensabschnittes. Ein Lebensabschnitt, der halt geprägt ist durch Veränderung körperlicher Art. Uns muss bewusst sein - diese Offenheit nimmt auch der Gesellschaft und der Familie die Unsicherheit, mit einem selbst umzugehen.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 29.06.2020, 15:48