Leben mit HIV: ein Betroffener erzählt

Leben mit HIV 04:54 Min. Verfügbar bis 29.11.2022

Leben mit HIV: ein Betroffener erzählt

Uwe Görke-Gott aus Schwerte hat sich vor 30 Jahren mit dem HI-Virus infiziert. Die Diagnose "HIV-positiv" war für ihn ein Albtraum, denn damals war das Virus noch ein Todesurteil. Die Ärzte gaben ihm fünf Jahre. Doch Uwe lebt und erzählt im Interview von Ausgrenzung, Aufklärung und seinem Appell an die Gesellschaft.

WDR: Uwe, wie war das, als du 1991 deine Diagnose bekommen hast ?

Blick in die Vergangenheit: Uwe ist 27 Jahre alt als ihn sein damaliger Partner mit HIV infiziert

Uwe ist 27 Jahre alt, als ihn sein damaliger Partner mit HIV infiziert.

Uwe Görke-Gott: Meine Diagnose war ein Albtraum. Als der Arzt dir dann noch sagte, 'wir geben Ihnen höchstens fünf Jahre' und du wusstest, es gibt kein Medikament; du wusstest, wie viele Prominente schon gestorben waren und du hast die Geschichten gehört, wie qualvoll die alle - entschuldige jetzt den Ausdruck - verreckt sind. Dann auch noch die Ausgrenzung im Krankenhaus, was da für eine Hysterie war, wenn da ein Positiver eingeliefert wurde. Es war schrecklich.

WDR: Wie haben die Menschen reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du HIV hast?

Uwe Görke-Gott erhält für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz

Uwe Görke-Gott hat für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Görke-Gott: Nachdem ich gesagt habe, dass ich HIV-positiv bin, haben mich viele Menschen komplett gemieden. Ich wurde beschimpft, ausgegrenzt. Zudem hatte ich plötzlich keine Möglichkeit mehr, mich abzusichern. Ich habe keine Lebensversicherung gekriegt, keinen Bausparvertrag. Keine Versicherung versichert dich mit HIV. Für mich war es wie eine tickende Zeitbombe – immer die Frage im Hinterkopf: Gehe ich zugrunde an der Diskriminierung oder gehe ich direkt zugrunde an diesem HI-Virus. Das waren zwei Komponenten, die so eng beieinanderlagen in den 90ern.

Uwe Görke-Gott kommt aus dem Märkischen Kreis und setzt sich intensiv für die AIDS-Aufklärung ein. Dafür hat er sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen. Er sagt: Ein Leben mit HIV ist heutzutage möglich - und doch sollte es das größte Bestreben sein, sich nicht mit dem Virus anzustecken.

WDR: Du hast dich nicht einschüchtern lassen, hast dein Leben öffentlich gemacht. Was war dein Ziel?

Uwe Görke-Gott

Uwe Görke-Gott

Görke-Gott: Damals wie auch heute setze ich mich dafür ein, dass man HIV und AIDS nicht vergisst. HIV ist seit 40 Jahren unter uns, es totzuschweigen ist fahrlässig. Ich habe es durchgelebt. Ich weiß, was HIV bedeutet und HIV ist nichts Schönes. Auch wenn wir heute besser mit den Medikamenten leben, ist HIV weiterhin nichts Schönes. Dementsprechend möchte ich nicht, dass HIV schön geredet wird. Ich kann nur sagen, dass Tollste im Leben ist, keine Krankheiten im Körper zu haben. 

WDR: Du hast auch viele Vorträge in Schulen gehalten. Würdest du bestätigen, dass HIV und AIDS heute den Schrecken verloren haben?

Görke-Gott: Ich glaube ja, weil sie nicht mehr sichtbar sind. Früher hast du den Betroffenen angesehen, dass sie krank waren. Heute ist es nicht mehr sichtbar. Zudem wollen die jungen Leute von heute ihre Sexualität ausleben, sich keine Gedanken machen. Über Krankheiten wird kaum noch gesprochen. Und geben wir doch mal zu: Wenn wir einen One Night Stand haben, tauschen wir uns auch nicht direkt über unsere Krankheiten aus. Dabei ist der Schutz vor HIV und vor vielen anderen Krankheiten doch so einfach: nehmt ein Kondom!

WDR: Muss die Gesellschaft HIV nochmal überdenken - 40 Jahre nach der ersten Diagnose? 

Uwe Görke-Gott mit seinem Ehemann Benni

Uwe Görke-Gott mit seinem Ehemann Benni

Görke-Gott: Natürlich haben wir heute HIV weitestgehend so im Griff, dass dank der Medikamente ein fast normales Leben möglich ist. Die Lebenserwartung ist sehr hoch. Jedoch ist das eine trügerische Sicherheit. Denn auch, wenn man nur noch eine Tablette am Tag nehmen muss, dein Leben verändert sich massiv. Vielleicht nicht unbedingt körperlich, jedoch psychisch. Und das kann Menschen komplett zerstören.

WDR: Welchen Appell würdest du gerne an die Gesellschaft richten?

Görke-Gott: Gedenkt am Welt-AIDS-Tag denen, die den Kampf gegen HIV und AIDS verloren haben. Nehmt aber auch die auf, die jahrelang für den Luxus, den heute Infizierte haben - dass sie überleben können - alles ertragen und erduldet haben. Die Langinfizierten haben seit 1996 bis zu 50 Tabletten geschluckt, alle Nebenwirkungen über sich ergehen lassen, an zahlreichen Studien teilgenommen. Denen haben wir es heute zu verdanken, das HIV nicht mehr tödlich ist. Und dann noch ein letzter Appell an die Jugend: Schützt euch, nehmt ein Kondom und bleibt negativ. 

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 01.12.2021, 10:08