Kommentar: "Maria 2.0" – Frauenstreik in der Katholischen Kirche

Fünf Frauen halten Plakate mit der Aufschrift "Erneuert die Kirche", die Münder Ider Frauen sind verklebt

Kommentar: "Maria 2.0" – Frauenstreik in der Katholischen Kirche

Von Jörg Brunsmann

"Maria 2.0." nennt sich die Protestbewegung. Das klingt ein bisschen nach Internet-Zeitalter, soll aber vor allem die katholische Kirche selbst wachrütteln – so sehen es die Macherinnen der Aktion. Eine Woche lang läuft die Aktion. In dieser Zeit wollen die Frauen hinter "Maria 2.0" keine katholische Kirche betreten und ihre Ehrenämter, die sie sonst in der Kirche ausüben, ruhen lassen. Ihr Ziel: Die katholische Kirche soll sich verändern; Frauen sollen Zugang zu allen Ämtern in der Kirche bekommen, das Pflichtzölibat soll aufgehoben werden. Anlass für die Proteste ist auch der Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche seit einigen Jahren beschäftigt.

Kommentar: "Maria 2.0" – Frauenstreik in der Katholischen Kirche

WDR 4 Zur Sache 10.05.2019 02:08 Min. WDR 4

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Ich frag' mich gar nicht so sehr, warum die Frauen das machen. Sondern, warum erst jetzt. Ich mein', stellen Sie sich doch mal ein Unternehmen vor, in dem das so laufen würde wie in der katholischen Kirche. Dass ein Mann an der Spitze des Unternehmens steht: okay – in der Praxis ist das in vielen Firmen auch heute noch so. Aber kein Unternehmen sagt: "Bei uns wird das immer so bleiben. Frauen können hier zwar arbeiten, Führungspositionen aber werden sie niemals erreichen." Wäre darüber hinaus auch illegal.

Seit 2006 gilt in Deutschland das so genannte "Antidiskriminierungsgesetz", das ganz klar regelt: Niemand darf benachteiligt werden – eben auch nicht wegen seines Geschlechts. Aber ist es nicht genau das, was die katholische Kirche macht, wenn Sie Frauen vom Priesteramt ausschließt?

Ich weiß, die Kirche selbst verweist auf eine lange Tradition. Aber die Welt, die Gesellschaft haben sich verändert – und die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist sicherlich keine Modeerscheinung, die bald wieder abgeschafft wird.

Der Kirchenstreik der Frauen ist das Beste, was der katholischen Kirche passieren kann. Mag für die Kirche selbst jetzt komisch klingen, aber man muss sich eines bewusst machen: Was die Frauen da machen ist ein Kirchen-, kein Gottesstreik. Sie wollen ja weiter Gottesdienste feiern und beten, nur eben außerhalb der von den Männern dominierten Kirche.

Und ein Streik bedeutet ja auch: Die Frauen haben noch nicht aufgegeben; sie wollen, dass sich in der katholischen Kirche etwas verändert. Damit die vielen, positiven Dinge, die Kirche zu bieten hat, auch erhalten bleiben. Schauen wir uns doch um in unseren Dörfern und Städten: Wie würden die ohne Kirchen aussehen? Und was gäbe es ohne die Kirche – vor allem auf dem Land – sonst noch an öffentlichem Leben? Da würde eine Menge fehlen. Wo sonst als in der Kirche lässt sich das Bedürfnis nach Seelsorge und Spiritualität stillen?

Viele Menschen haben sich still und leise schon von der Kirche verabschiedet. In den letzten zehn Jahren sind etwa 1,5 Millionen Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die mögen für die katholische Kirche auf den ersten Blick bequemer sein, denn sie demonstrieren und streiken nicht. Aber sie organisieren auch keine Gemeindefeste, helfen nicht in der Sakristei und übernehmen keine sozialen Aufgaben in der Gemeinde. Und das, obwohl der christliche Glaube doch mit zum Fundament unserer Gesellschaft gehört.

Stand: 10.05.2019, 13:10