Wenn Kirchen dichtgemacht werden: "Das war als ob eine Familie verschwindet"

Gemeindemitglieder verlieren ihre Kirche 04:04 Min. Verfügbar bis 08.10.2022

Wenn Kirchen dichtgemacht werden: "Das war als ob eine Familie verschwindet"

Das Mendener Ludwig-Steil-Haus ist ein Bau der 70er Jahre. Das Haus war wichtig für die Menschen, die hier in der Nachbarschaft wohnen. Es war ihre Kirche. Bis 2020. Dann wurde es entwidmet, dichtgemacht.

Fast alle christlichen Gemeinden haben in diesen Jahren das gleiche, wachsende Problem: Zu wenige Gläubige, zu viele Kirchen. Prognosen sagen, dass von 6.000 Kirchen in NRW 1.500 im Jahr 2030 überflüssig sind.

Thomas Schotenröhr muss auf die Uhr schauen, wenn er wissen möchte, wie spät es ist. Früher sagten ihm die Glocken des Ludwig-Steil-Hauses die Zeit an. Das Glockenläuten hat seinem Tag jahrzehntelang Struktur gegeben. "Das fehlt. Außerdem hatten diese Glocken einen einzigartigen Klang. Es waren unsere Glocken."

Die evangelische Kirchengemeinde in Menden hatte vier Kirchen. Und ein Problem, das viele Gemeinden haben: Zu wenig Gläubige, zu viele Kirchen. Nur drei der vier Gotteshäuser hatten eine Zukunft.

"Wir entschieden uns, das Gotteshaus aufzugeben, das zuletzt gebaut wurde - das Ludwig-Steil-Haus", erzählt Pfarrer Frank Fiedler. Und wird emotional: "Ich möchte in meinem Berufsleben nicht noch einmal erleben, wie eine Kirche geschlossen wird. Das tat weh."

Zu wenig Gläubige, zu viele Kirchen

Das Ludwig-Steil-Haus ist fast leergeräumt. Wenig erinnert noch an eine Kirche. Die schönen Fenster, die Kirchenglocken – abgelegt in einer Ecke. Im Foyer haben sich Menschen versammelt, um zu erzählen, wie es war, als ihre Kirche geschlossen wurde.

Kirche in  Menden schließt

"Ich hätte nie gedacht, dass das geht. Dass eine Kirche einfach zugemacht wird", beschreibt Simon Lanfermann seine Gefühle. Er ist mit dem Ludwig-Steil-Haus aufgewachsen. Heute studiert er Theologie: "Das hat auch mit dieser Gemeinde zu tun."

"Das war als ob eine Familie verschwindet", wirft Dirk Schotenröhr ein. Er war mindestens einmal in der Woche hier, leitete verschiedene Gruppen. Im Ludwig-Steil-Haus wurde gebetet, genäht, getanzt, gekocht.

"Ich hätte mir gewünscht, dass wir ein System wie die Katholiken hätten. Dass von oben gesagt wird, jetzt wird dichtgemacht. Wir mussten es selber machen, es der Gemeinde sagen", erinnert sich Pfarrer Fiedler an die Zeit bis zur Schließung. "Man ist hilflos. Was soll man machen?"

"Man ist so hilflos"

Wenn eine Kirche geschlossen wird, wird alles verteilt. Menschen und Mobiliar. Die Orgel hat Frank Fiedler mitgenommen in seine neue Kirche – die Mendener Erlöserkirche. Die Menschen aus dem Ludwig-Steil-Haus sind zum Teil mit ihm gegangen. Immer wieder sieht der Pfarrer vertraute Gesichter in seinen Gottesdiensten.

Eines davon gehört Heide Weyrauch: "Mir fehlt das Ludwig-Steil-Haus, dieses Haus, diese Ausstrahlung. Ich musste mich umorientieren. Und ich habe hier wieder eine neue Heimat gefunden."

Und das Ludwig-Steil-Haus? Haus und Grundstück sollen verkauft werden. Niemand weiß, was dann passiert.  Ausgediente Kirchen werden zu Restaurants, Kunstkirchen, Kletterhallen. Der Pfarrer kann damit leben: "Wir haben dieses Haus entwidmet. Es ist keine Kirche mehr. Kletterhallen sind gut. Solange die Kletterhallen nicht sagen, wir sind die neue Kirche, ist es gut."

Stand: 08.10.2021, 10:58