Kindesmissbrauch in Münster: Was wir wissen

Kindesmissbrauch in Münster: Was wir wissen

  • Dritter große Kindesmissbrauchsskandal in NRW
  • Sonderkommission arbeitet mit Hochdruck
  • Der aktuelle Stand der Ermittlungen

Es seien Bilder, die "selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen" brächten - "und weit darüber hinaus". Worte des Münsteraner Polizeipräsidenten Rainer Furth in einer ersten Pressekonferenz am 6. Juni 2020. Gemeint sind Bilder und Videos von vier erwachsenen Männern, die stundenlang und abwechselnd einen fünfjährigen und einen zehnjährigen Jungen vergewaltigen.

Mit dem Fall von schwerem sexuellen Missbrauch ausgehend von Münster hat NRW nach Lügde und Bergisch Gladbach den dritten dramatischen Skandal dieser Art in nur eineinhalb Jahren. Zentraler Tatort ist offenbar eine Gartenlaube in einer Münsteraner Kleingartenanlage. Furth geht davon aus, dass bisher nur "die Spitze des Eisberges" entdeckt sei.

Bisher sechs Opfer bekannt

Deutschlandkarte mit Linien zwischen den Städten, in denen Verdächtige des Falles wohnen

Bislang seien achtzehn Personen festgenommen worden, sieben befänden sich in Untersuchungshaft - darunter auch die Mutter des Hauptbeschuldigten Adrian V. aus Münster. Die Beschuldigten seien zwischen 27 und 45 Jahren und lebten in Münster, Staufenberg bei Gießen, Hannover, Schorfheide in Brandenburg, Kassel und Köln.

Zu den bisher bekannten Opfern zählt der zehnjährige Sohn der Lebensgefährtin von Adrian V. und der fünfjährige Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Gegen die Mutter des Zehnjährigen wird ebenfalls ermittelt. Laut Staatsanwaltschaft Münster handelt es sich bei den drei neu gemeldeten Opfern um zwei Kinder, die von Berührungen durch mutmaßliche Täter berichten. Ein weiteres Kind sei noch nicht befragt worden.

Missbrauch gefilmt und fotografiert

Dem 27-jährigen Adrian V. werden bislang 15 Taten zwischen November 2018 und Mai 2020 in der Gartenlaube seiner Mutter vorgeworfen. "Der Verdacht gegen den Hauptbeschuldigten besteht zum einen darin, dass er den zehnjährigen Sohn seiner Lebensgefährtin über einen längeren Zeitraum schwer sexuell missbraucht haben soll. Er soll in diesem Zusammenhang auch Fotos beziehungsweise Filme von diesen Missbrauchshandlungen gefertigt und dann im Darknet vertrieben haben", sagte der Münsteraner Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt dem WDR am Montag (08.06.2020).

Adrian V. soll seinen Ziehsohn auch anderen für Missbrauchshandlungen angeboten haben. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 2020 sollen vier Männer den Zehnjährigen und Fünfjährigen aus Staufenberg stundenlang vergewaltigt und die Taten gefilmt haben.

Nicht in der Gartenlaube und auch nicht in der Wohnung des Hauptbeschuldigten, sondern an einem anderen Ort in Münster fand die Polizei seine sieben Server. Die Ermittler sprechen von "mehreren hundert" Datensätzen mit einem Speichervolumen von mehr als 500 Terabyte. Die Aufnahmen seien "hochprofessionell" verschlüsselt.

Mutter des Hauptbeschuldigten wird Beihilfe vorgeworfen

Der Mutter des 27-Jährigen wird Beihilfe zu den schweren sexuellen Missbrauchshandlungen vorgeworfen, die Ende April in der Gartenlaube begangen worden sein sollen. "Sie ist nach unseren bisherigen Erkenntnissen die eigentliche Nutzerin der Gartenhütte. Wir gehen derzeit davon aus, dass sie den Schlüssel für diese Gartenlaube ihrem Sohn zur Verfügung gestellt hat. Wir gehen auch davon aus, dass sie wusste, was Ende April in der Gartenlaube mit den beiden Jungen passieren wird", sagte Oberstaatsanwalt Botzenhardt. Ob es in der Laube vorher schon zu vergleichbaren Taten gekommen ist, wissen die Ermittler noch nicht.

Die 45-Jährige arbeitete als Erzieherin in einer Münsteraner Kita. Laut Botzenhardt gibt es "derzeit keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es zu strafbaren Handlungen im Rahmen der beruflichen Tätigkeit dieser Frau gekommen ist."

Anfangsverdacht schon 2018

Auf die Spur der Verbrechen kamen Ermittler über kinderpornografische Dateien, die schon 2018 im Internet angeboten wurden. Eine IP-Adresse führte zu einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld. Adrian V. war hier für die IT-Verwaltung zuständig. Im Mai 2019 durchsuchten Polizeibeamte seine Wohnung und fanden bereits hier "umfangreiche Mengen an Datenträgern", die ebenfalls hochprofessionell verschlüsselt gewesen sind.

IT-Experten brauchten lange, um Codes zu knacken

Den IT-Experten der Polizei gelang es erst am 12. Mai 2020, einen der sichergestellten Laptops zu dechiffrieren. Einen Tag später wurde der Münsteraner festgenommen. Für den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) zeigt das die gravierenden Lücken bei den Möglichkeiten der Ermittler: Die Kriminalpolizei bräuchte dringend bessere Ausbildung, sagt der NRW-Vorsitzende Sebastian Fiedler: "Wir müssen IT-Techniker haben, die sich mit Verschlüsselungstechnik auskennen."

Hauptbeschuldigter schon wegen Pädophilie verurteilt

Adrian V. war bereits 2016 und 2017 wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden - beide Male auf Bewährung. Die Stadt Münster räumte in einer Erklärung ein, dass das Jugendamt 2015 Kontakt zu der Familie gehabt habe, das Familiengericht aber keinen Anlass gesehen habe, "das Kind aus der elterlichen Verantwortung  zu nehmen".

Stand: 17.06.2020, 16:19