Kapuziner in der Ukraine

Lokalzeit Münsterland 19.04.2022 05:04 Min. Verfügbar bis 20.04.2023 WDR Von Eva Bendix

Münsteraner Mönch in Lwiw: So lange ich helfen kann, werde ich helfen.

Stand: 19.04.2022, 19:23 Uhr

Der Kapuzinerbruder Jeremias aus Münster hat zum zweiten Mal Hilfsgüter nach Lwiw in die Ukraine gebracht und kümmert sich dort auch wieder persönlich um Kriegsflüchtlinge. In Lwiw wohnt er in einem Priesterseminar, von wo aus er täglich dorthin fährt, wo er gerade persönlich helfen kann. Über Ostern hat er am Bahnhof in Lwiw Essen und Getränke an Kriegsflüchtlinge ausgegeben und ihnen Trost gespendet. Im Interview schildert Bruder Jeremias die aktuelle Situation in Lwiw.

WDR: Wie hat sich die Situation in Lwiw seit Ihrer Ankunft verändert, nachdem die russische Armee hat gestern begonnen, die Stadt zu bombardieren?

Kapuzinermönch Jeremias schenkt Suppe aus.

Am Bahnhof in Lwiw teilt Bruder Jeremias Essen aus

Kapuzinerbruder Jeremias: Sie hat sich sehr verändert. Es ist eine geisterhafte Stille oft zu spüren, wenn ich mit den Leuten am Bahnhof stehe und dort Suppe und Brot austeile. Dann sind die Leute kurz da, holen Sachen ab und gehen dann wieder. Es ist kaum ein Gespräch möglich, und wenn, dann erzählen sie uns wo sie herkommen ganz kurz. Und es ist viel Angst in der Luft, würde ich sagen. Viel Angst auch deshalb weil heute Nacht die große Offensive losgegangen ist, und Luhansk und Donezk voll unter Beschuss stehen und die Leute hier Angst haben, ob und wie schnell die Truppen vorrücken und was dann passiert. Ob dann Bodentruppen kommen und Massaker auch hier anrichten.

WDR: Wie gefährlich ist die Lage gerade vor Ort - verändert sich dadurch Ihre Möglichkeit zu Hilfe?

Bruder Jeremias: So dumm sich das anhört: Im Moment - wenn das so bleibt mit den Raketeneinschlägen und allem was wir hier erleben - ist das nicht gefährlicher als mit dem Flugzeug fliegen, weil die Raketen an einem Ort runterkommen. Man kann sich das nicht mehr wie im zweiten Weltkrieg vorstellen, wo es Flächenbombardements gab. Aber dafür sind dort, wo die Raketen einschlagen, die Schäden wesentlich größer und die Opferzahlen hoch. Wir haben die Arbeit einfach weiter gemacht, trotz der Gefahren, oftmals auch am Bahnhof mit Luftangriffen, weil die Leute einfach da waren und Hilfe brauchten. Die konnten auch nicht fliehen.

Hilfsaktion der Kapuziner aus Münster in der Ukraine

Schon im März waren die Kapuzinerbrüder Jeremias und Moritz zwei Wochen lang in der Ukraine um dort mit anderen Kapuzinern zu helfen. Kaum waren sie zurück, haben sie einen neuen Hilfstransport organisiert. Seit zehn Tagen ist der 53-jährige Bruder Jeremias wieder dort in der Stadt Lwiw, um Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Ein dritter Transport ist schon in Planung.

WDR: Welche Rolle spielt es für die Hilfe vor Ort, dass Sie auf den ersten Blick als Kapuziner und Priester zu erkennen sind ?

Bruder Jeremias: Ich denke das ist eine Rolle, die hätte ich mir gar nicht vorstellen können. Die Grundbedürfnisse werden gestillt durch die Nahrung, aber auch die seelischen Bedürfnisse: dass ich mal einen Segen spenden kann, dass ich mal Leute in den Arm nehme, Trost spende ohne Worte, das ist wichtig. Und allein der Habit bringt den Leuten eine gewisse Ruhe: Sie sind nicht allein, sie können sich an jemanden wenden. Sie spüren, das ist jemand der Geistlicher ist und der Glauben hat und Hoffnung bringen kann mit dabei.

WDR: Sie organisieren zusammen mit ihrem Glaubensbruder Moritz aus Münster wieder einen Hilfstransport und rufen zu Spenden auf - was brauchen die Menschen am Dringendsten?

Die Helfer:innen vor dem Bahnhof in Lwiw.

Vor einigen Tagen kamen viele Menschen zu den Helfern

Bruder Jeremias: So wie es jetzt aussieht, wird der 3. Transport hauptsächlich Lebensmittel enthalten und Wundversorgungsmaterialien. Lebensmittel im großen Umfang, am besten von Großhändlern und Produzenten. Müsliriegel, Konserven aller Art, weil wir damit hier von unserem Priesterseminar aus mit kleinen Transporten in die umkämpften Gebiete fahren. Und vor allem auch alten Menschen, Menschen die nicht fliehen können, unterstützen wollen durch die Infrastruktur, die die römisch-katholische Kirche hier hat.

WDR: Haben sich selber einen Punkt gesetzt, an dem Sie sagen: Jetzt denke ich an mich und fahre nach Hause?

Bruder Jeremias: An mich zu denken ist gerade schwierig, weil in Gesprächen, die ich hier hatte, immer wieder die Frage aufkam, wann fährst du? Und ich habe geantwortet, ich weiß es noch nicht. Da haben die geantwortet, das ist gut, bleibe noch ein bisschen. Aber für mich steht fest, ich glaube, wenn die Bodentruppen kommen und wenn die Massaker losgehen sollten hier - was ich nicht hoffe, dann ist es Zeit zu gehen, weil dann können wir eh nichts mehr machen.  Aber ich weiß es noch nicht, es wird sich von Tag zu Tag entscheiden, wie die Situation ist. So lange ich helfen kann, werde ich helfen.

Über dieses Thema haben wir in der Lokalzeit Münsterland im WDR Fernsehen am 19.04.2022 berichtet.