Depression: Frau aus Brilon bewältigt Kampf

Curvy Model Alexandra Linnemann

Depression: Frau aus Brilon bewältigt Kampf

Von Elli Konstantinidis

Eine junge Frau aus Brilon hat jahrelang unter Depressionen gelitten. Mit viel Mut und Unterstützung hat sie dagegen angekämpft. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte.

Depressionen gehören zu den häufigsten seelischen Erkrankungen. Schleichend bahnt sich die tückische Krankheit ihren Weg. Antriebslosigkeit, Traurigkeit sowie Schlafstörungen sind nur einige der Symptome. Betroffene sprechen oft von einem Leben in der Dunkelheit.

Die 31-jährige Alexandra Linnemann aus Brilon hat viele Jahre unter Depressionen gelitten. Sie hat uns ihre Geschichte im WDR-Interview erzählt - von den Herausforderungen, mit der Krankheit umzugehen, sowie von ihrem persönlichen Erfolg, die Krankheit zu meistern.

WDR: Wie würden Sie Depressionen beschreiben?

Alexandra Linnemann: "Depressionen zu haben, fühlt sich so an, als wäre man gefangen in seinem eigenen Körper, als sei man nicht mehr in der Lage oder überhaupt fähig, irgendetwas zu machen. Man ist einfach nicht mehr Herr seiner eigenen Dinge und seines eigenen Körpers, seines eigenen Willens. Man wird gefühlt fremdgesteuert, aber durch sich selbst."

WDR: Auch wenn es nicht leicht ist, es zu benennen: Was glauben Sie, hat ihre Depressionen ausgelöst?

Curvy Model Alexandra Linnemann

Alexandra Linnemann

Linnemann: "Mein Leben war rückblickend gesehen sehr anstrengend, sehr leidend, sehr schwierig, weil ich schon in jungen Jahren sehr viel Negatives erfahren habe. Angefangen hat es schon im Kindergarten und zog sich wie ein roter Faden durch meine komplette Jugend. Ich wurde bespuckt, ich wurde geschubst, mir wurden die Türen vor der Nase zugehalten. Ich wurde beleidigt - auch dafür, wie ich aussehe."

WDR: Was haben all diese Erlebnisse mit Ihnen gemacht?

Linnemann: "Ich konnte nicht mehr schlafen, ich hatte tagsüber Schüttelfrost. Ich hatte Kopfschmerzen ohne Ende, ich wusste gar nichts mit mir anzufangen, ich hatte keinen Elan für nichts. Mir war alles egal. Ich wollte mit niemandem reden, niemanden sehen. Irgendwann konnte ich mein Essen nicht mehr bei mir behalten. Immer die Angst: Wenn ich dicker werde, werde ich noch mehr gemobbt. Es war ein Teufelskreis."

Alexandra Linnemann ist 31 Jahre und kommt aus Brilon. Lange Zeit litt sie unter Depressionen - so stark, dass sie sogar in die Bulimie verfiel. Doch sie schaffte es, sich aus dem Teufelskreis zu befreien. Sie hat gelernt, zu sich zu stehen, sich anzunehmen. Heute ist Alexandra ein gefragtes Curvy Model und möchte mit ihrer Geschichte Mut machen.

WDR: Auch im Beruf haben Sie versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Linnemann: "Ja, ich habe immer versucht, stark zu sein. Wenn dann jedoch so Sprüche kamen wie 'Reiß dich doch mal zusammen.' 'Warum geht es Dir heute schon wieder so schlecht?' 'Mensch Mädchen, was hast Du denn heute schon wieder?' fühlt man sich komplett verloren. Das Problem: Depressionen ist eine Krankheit, die man nicht sieht. Es ist was anderes, wie wenn ich einen Arm gebrochen habe. Wenn ich den Arm gebrochen habe, sieht das jeder sofort. Mitfühlend, mitleidend, sagt jeder: 'Oh mein Gott, du Arme, werde bloß wieder gesund. Das sieht aber schlimm aus.' Wenn ich eine psychische Erkrankung habe, sieht das niemand. Niemand weiß, wie es einem geht, außer man ist selbst mal betroffen gewesen."

WDR: Wann kam der Punkt in ihrem Leben, an dem Sie gemerkt haben: So geht das nicht weiter?

Linnemann: "Mein Mann war meine Rettung. Ohne seine Unterstützung wäre unsere Beziehung kaputt gegangen, wäre ich vielleicht sogar nicht mehr da. Er hat mich konkret auf meine Depressionen angesprochen, hat um mich gekämpft. Hat mich dazu gebracht, einen Arzt aufzusuchen, zur Therapie zu gehen. Auch meine Familie, meine engsten Freunde haben mir ihre Hand gereicht, mir immer das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein."

WDR: Würden Sie heute sagen, Sie haben die Depression besiegt?

Linnemann: "Ein Stück weit ja, aber eine Depression kann dich dein Leben lang begleiten. Wichtig ist es, zu wissen, mit ihr umzugehen. Lernen, dass sie einen nicht mehr kontrolliert. Mein Weg hat viele Jahre gedauert. Therapien, Medikamente - stets unter ärztlicher Aufsicht. Ich bin jedoch jetzt an einem Moment in meinem Leben, wo ich das Gefühl habe, dass ich glücklich bin, dass ich angekommen bin, dass ich mich wohl fühle. Dass die Probleme, die mir damals Sorgen bereitet haben, nun nicht mehr Sorgen bereiten."

WDR: Was würden Sie anderen Betroffenen raten?

Linnemann: "Das Grundsätzliche, was ich jedem raten kann, ist zu sagen: Wenn du merkst, dir geht es schlecht, dann ist das vollkommen okay, das zu äußern, vollkommen okay, das zu zeigen und auch vollkommen okay, sich die Hand reichen zu lassen. Denn Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche - im Gegenteil. Es hilft dir nach vorne, raus aus der Dunkelheit, aus dem Nebel. Genau das ist der erste Schritt."

WDR: Seit zwei Jahren arbeiten Sie nun sogar als Curvy Model. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst?

Curvy Model Alexandra Linnemann

Als Curvy Model feiert Alexandra Linnemann Erfolge

Linnemann: "Das Modeln war ein wichtiger Schritt im Zuge meiner Therapie. Anfangs habe ich es als therapeutische Fotografie empfunden, weil es den Blick auf mich selbst noch mal geändert hat. Die Depression hat in der Vergangenheit meinen Blick für das Wesentliche komplett vernebelt. Plötzlich hatte ich wieder klare Sicht. Das positive Feedback hat zudem auch dazu geführt, dass ich mich angefangen habe, selber zu akzeptieren, selber zu lieben. Dass ich gelernt habe zu sagen: Hey, das ist total okay, wenn du ein paar Kilos mehr auf den Rippen hast. Heute weiß ich, eine Kleidergröße definiert nicht den Wert eines Menschen."

Das Interview führte Elli Konstantinidis.

Stand: 24.11.2020, 16:35