Bielefeld: Journalisten laut Studie immer öfter Ziel von Gewalt

Screenshot eines Hasskommentars

Bielefeld: Journalisten laut Studie immer öfter Ziel von Gewalt

  • Viele Hassmails in sozialen Netzwerken
  • Oft körperliche Gewalt und Anfeindungen im Berufsalltag
  • Täter meist aus dem politisch rechten Spektrum

Journalistinnen und Journalisten in Deutschland sehen sich im Berufsalltag immer stärker körperlicher und psychischer Gewalt ausgesetzt. Die Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld, die am Mittwoch (06.05.2020) vorgestellt wurde, zeigt erschreckende Ergebnisse.

Angriff auf 60 Prozent der befragten Journalisten

Für die Studie hatten die Bielefelder Forscher Antworten auf eine Online-Befragung von mehr als 320 Journalisten ausgewertet. Etwa 60 Prozent der Journalisten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten im Berufsalltag mindestens einmal angegriffen worden zu sein - manche körperlich, der Großteil vor allem aber durch Hassmails in den sozialen Medien.

Kritische Themen besonders gefährlich

Fast 16 Prozent der Befragten haben laut Studie schon einmal eine Morddrohung erhalten. Nach Erkenntnis der Bielefelder Wissenschaftler ziehen vor allem Berichte über Themen wie Migration, AfD, Flüchtlinge, Klimawandel oder Islam drastische Reaktionen nach sich.

Anspucken, Anpöbeln, Mikrofon wegschlagen

Reporter und Redakteure berichteten unter anderem davon, als unliebsame Beobachter bei Veranstaltungen angespuckt, von Teilnehmern angeschrien oder bei Demonstrationen abgedrängt worden zu sein. Auch komme es oft vor, dass Mikrofone der Berichterstatter weggeschlagen würden.

Studie: Täter aus dem rechten Spektrum

Nach Einschätzung der Opfer handeln die meisten Täter allein. Es gebe aber auch Anfeindungen von Gruppierungen oder Organisationen. Die meisten Angreifer seien dem politisch rechten Spektrum zuzuordnen; viele nennen als Urheber dabei ganz konkret die AfD.

Von Akteuren der AfD gingen gehäuft Angriffe auf Pressevertreter und journalistische Beiträge aus, meinen knapp 77 Prozent der Befragten. "Die Anfeindungen sind demnach nicht als Einzelfall zu betrachten, sondern repräsentieren eine zunehmende Normalisierung von rechten Einstellungen und Handlungen in Deutschland", ordnen die Bielefelder Gewaltforscher die Ergebnisse ein.

Opfer leiden unter großen psychischen Belastungen

Die Angriffe setzen den Betroffenen stark zu: Zwei Drittel der Journalisten, die nach eigenen Angaben Ziel einer oder mehrerer Attacken wurden, leiden nach eigenen Angaben anschließend unter großen psychischen Belastungen. Sie haben Angst, dass solche Angriffe künftig noch weiter zunehmen.

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WDR 5 Töne, Texte, Bilder - Interviews 22.02.2020 07:21 Min. Verfügbar bis 20.02.2021 WDR 5

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Polizei und Behörden sollen härter durchgreifen

Fast ebenso viele Medienvertreter sehen die Freiheit und die Unabhängigkeit journalistischer Arbeit in Gefahr. Als Gegenmaßnahme setzen viele auf Polizei und Strafverfolgung. Reporter sollen auf Veranstaltungen besser geschützt und Hasskommentare im Netz verfolgt und geahndet werden.

Außerdem wünschen sich die Journalistinnen und Journalisten mehr Solidarität und Unterstützung von Politikern und Öffentlichkeit.

Hatespeech WDR 06.02.2020 09:48 Min. Verfügbar bis 06.02.2025 WDR

Stand: 06.05.2020, 10:30