Burbach-Prozess: "Abwertung von Opfern ist Strategie"

Psychologe Roland Imhoff

Burbach-Prozess: "Abwertung von Opfern ist Strategie"

"Hast Du ihn wenigstens tot geschlagen?" Das schrieben ehemalige Wachleute der Burbacher Flüchtlingsunterkunft in WhatsApp-Gruppen. Wie ist so ein Verhalten zu erklären?

Dem WDR liegen WhatsApp-Protokolle vor, die zeigen: Die Wachmänner, die 2014 Flüchtlinge in Burbach eingesperrt und misshandelt haben, haben das auch noch in Chat-Gruppen gefeiert. Wie ist so ein Verhalten zu erklären? Der Psychologe Roland Imhoff von der Universität Mainz hat für den WDR einen Blick auf die Chatprotokolle geworfen.

WDR: "Es haben immer die aufs Maul bekommen, die es auch verdient hatten." So kommentieren Ex-Wachleute ihre Misshandlungen untereinander via WhatsApp. Wie bewerten Sie das?

Roland Imhoff: Die Wachleute haben in erster Linie keine sadistischen Motive für ihre Misshandlungen, sondern sie hatten offenbar zu jedem Augenblick das Gefühl, im Recht zu sein. Und das ist ein systemisches Problem.

Psychologe Prof. Dr. Roland Imhoff

Psychologe Prof. Dr. Roland Imhoff im Interview mit dem WDR.

Das kennen wir aus Untersuchungen zu Gefangenmisshandlungen in amerikanischen Lagern. Es gibt eine unstrukturierte Aufgabe, hier für Ruhe zu sorgen, ohne eine konkrete Anweisung, wie das geschehen soll. Und dann werden Leute in so einem System kreativ.

Roland Imhoff ist Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an der Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Vorurteile und Rechtssysteme.

WDR: Wenn Wachleute Sachen wie "immer feste drauf" oder "hast du ihn wenigstens tot geschlagen?" schreiben - wie kann das nicht sadistisch sein?

Imhoff: Ich will nicht ausschließen, dass es hier auch sadistische Momente gibt. Entscheidender ist aber, dass es hier ein autoritäres Regime gegeben hat, in dem jede Form von Abweichung bestraft wurde. Und damit wird das immer weitreichender. So dass schon die kleinsten Verstöße gegen die Hausordnung so bestraft werden, als würde es hier um kriminelle Akte gehen.

WDR: Auffällig ist, dass vor allem Marokkaner beleidigt werden. Da heißt es etwa: "Bei 40 Marokkanern hilft nur eins: auf die Wassermelonenköpfe im Millisekundentakt." Wo kommt das her?

Whatsapp-Nachrichten

Die Chatprotokolle liegen dem WDR vor.

Imhoff: Aus der Sozialforschung wissen wir, dass die Abwertung von Opfern eine Verarbeitungsstrategie ist, um Handlungen zu rechtfertigen, die man bereits getätigt hat. Gegnern im Krieg wird zum Beispiel häufig das Menschliche abgesprochen. Sie werden für tierähnlich erklärt.

WDR: Was motiviert die Täter denn, so zu handeln?

Imhoff: Es gibt eine gemeinsame Mission, mit der man sich identifizieren kann: es muss endlich Ruhe einkehren. Und für diese gemeinsame Idee, mit der wir uns alle mehr oder weniger identifizieren können, ist jedes Mittel recht.

WDR: Die Wachmänner haben auch Fotos von misshandelten Flüchtlingen herumgeschickt. Warum haben sie das getan?

Undatierte Handout der Polizei: Zwei Sicherheitsleute, die in der ehemaligen Siegerland-Kaserne in Burbach einen am Boden liegenden Flüchtling misshandeln

Zwei Wachleute misshandeln im sogenannten "Problemzimmer" einen Flüchtling.

Imhoff: Einige dieser Fotos haben fast trophäenähnlichen Charakter. Die Opfer werden erniedrigend dargestellt. Da kann man natürlich darüber spekulieren, ob das ein Gefühl der Überhöhung der eigenen Person ist oder nur noch mal eine Form der Abwertung des anderen.

22.01.2019: Urteil im Burbach-Prozess für den Heimleiter 01:46 Min. Verfügbar bis 22.01.2020

Das Interview führte Fritz Sprengart.

Stand: 27.02.2019, 06:41