Sexueller Missbrauch: Olper Initiative stellt sich vor

Selbsthilfegruppe für Missbrauchsopfer 04:15 Min. Verfügbar bis 22.03.2020

Sexueller Missbrauch: Olper Initiative stellt sich vor

Thomas wurde als Kind sexuell missbraucht. In Olpe hat er eine Selbsthilfegruppe gegründet. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Jeder Mensch in einer Selbsthilfegruppe hat seine eigene Geschichte. Auch Thomas: Er wurde als Kind jahrelang sexuell missbraucht.

Ein Mann steht vor dem Fenster

Thomas möchte anonym bleiben

Erst als Erwachsener kamen die Erinnerungen zurück. In Olpe gründete er deshalb eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexuellem Missbrauch. Sie stellt sich beim Selbsthilfetag am Samstag (23.03.2019) mit 80 anderen Gruppen in der Olper Stadthalle vor.

WDR: Wie konnten Sie den sexuellen Missbrauch über 40 Jahre aus Ihrem Bewusstsein verbannen?

Thomas: "Mit solchen Ereignissen, die einem Kind passieren, kann es nur überleben, wenn der Geist es verdrängt, der Körper, der Kopf."

WDR: Mit Ende 30 kamen die Depressionen, die Ängste. Wie sind Sie damit umgegangen?

Thomas: "Ich habe Therapien gemacht, Kuren, Psychoanalyse, Psychotherapie, Gruppentherapie. Die ersten zehn Jahre haben nichts gebracht. Der Durchbruch kam mit der Traumatherapie 2017. Da kamen plötzlich die Erinnerungen, in kleinen Fragmenten. Oft sind es Körpererinnerungen."

WDR: Was sind Körpererinnerungen?

Thomas: "Ich hatte immer einen kalten Bauch. Ein Leben lang hatte ich einen kalten Bauch. Und dann hat mir mein Körper gesagt - durch das Gefühl: Guck da mal genauer hin. Da war doch was. Frag dich, warum ist da der kalte Bauch?"

WDR: Wie ging es weiter?

Ein Kindheitsfoto

Thomas' Kindheit war unbeschwert - bis er missbraucht wurde

Thomas: "Ich erinnerte mich an eine Mauer. Da habe ich draufgelegen - mit dem Bauch. Und der Mann hat mich missbraucht. Durch die Arbeit in der Traumatherapie sind der kalte Bauch weg und auch der Kloß im Hals. Ich hatte immer einen Kloß im Hals. Jetzt ist er weg. Ich fühle mich wie neugeboren."

WDR: Warum kam der Wunsch nach einer Selbsthilfegruppe auf?

Thomas: "Ich muss mir sagen, es geht ohne Therapie. Aber ich brauche eine Gruppe. Leute, mit denen ich darüber reden kann. Die mich verstehen. Das Reden tut gut. Wir reden. Wir weinen. Wir lachen."

WDR: Haben Sie sofort eine Selbsthilfegruppe gefunden?

Thomas: "Ich habe bei vielen Beratungsstellen angerufen. Es gab keine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexuellem Missbrauch. Unsere Gruppe ist die erste, in der Frauen und Männer gemeinsam in einer Gruppe sind."

Thomas - seinen Nachnamen möchte er nicht nennen - wurde als Kind jahrelang sexuell missbraucht. Erst als Erwachsener kamen die Erinnerungen zurück. In Olpe gründete er deshalb eine Selbsthilfegruppe für Opfer von sexuellem Missbrauch.

WDR: Wie schwer ist es, die Geschichten der Anderen auszuhalten?

Thomas: "Das ist schwer. Wir haben bei den Treffen jetzt noch eine Therapeutin dabei. Ich hatte befürchtet, dass es bei dem ersten Treffen bleibt. Doch es ist gut geworden. Es sind fünf Personen gekommen."

WDR: Was bringt Ihnen die Gruppe?

Thomas: "Ich hoffe, dass das Thema "Sexueller Missbrauch" mehr in das Bewusstsein der Menschen gelangt. Es wird gesellschaftlich immer noch verdrängt. Viele Betroffene leben unter uns und schweigen aus Scham."

Das Interview führte Katja Brinkhoff.

Stand: 22.03.2019, 11:05