Vom Frühchen zur Erfolgsfrau: "Aufgeben ist keine Option"

Vom Frühchen zur erfolgreichen Frau 05:14 Min. Verfügbar bis 15.09.2022

Vom Frühchen zur Erfolgsfrau: "Aufgeben ist keine Option"

Von Elli Konstantinidis

Mit ihren 22 Jahren hat Ronja Pastoors schon einiges erlebt. Sie kommt als Frühchen zur Welt, kämpft mit Lungenschaden und Muskelerkrankung. Und sie geht ihren Weg.

Ronja Pastoors Diagnose: eine hundertprozentige körperliche Behinderung. Die Ärzte glauben nicht, dass Ronja jemals laufen, schreiben und lesen wird. Eine Förderung halten sie aufgrund der schlechten Prognose für überflüssig - doch Ronjas Familie gibt nicht auf und kämpft für ihre Tochter. 

WDR: Ronja, mit drei Jahren hast du Laufen gelernt, mit 13 Jahren Schreiben und Lesen. Ärzte, Krankenkassen sowie andere Menschen in deinem Umfeld haben niemals damit gerechnet, dass du es überhaupt schaffst. Was denkst du rückblickend? 

Ronja Pastoors: Dass vieles ungerecht war. Förderung macht immer Sinn, egal welchen Ausgangspunkt man hat. Dass sich jedoch Menschen herausnehmen, über die Entwicklung eines Menschen allein durch eine Prognose zu urteilen, das finde ich sehr ungerecht. Ich bin der Beweis dafür, dass Förderung funktioniert. Keiner kann wissen, wie es am Ende ausgeht, jedoch sollte man es versuchen.

Ronja Pastoors - Vom Frühchen zur Kämpferin

Ronja Pastoors kommt mit 1000 Gramm zur Welt. Die ärztlichen Entwicklungsprognosen sind niederschmetternd. Die Ärzte testieren, dass Ronja niemals laufen, lesen und schreiben lernen könnte. Doch Ronja Mutter kämpft für ihre Tochter. Finanziert die kostenintensive Logopödie-Therapie ihrer Tochter aus eigener Tasche.

Seit 4 Jahren absolviert die 22-Jährige am Berufsbildungswerk Olsberg-Bigge eine Ausbildung zur Elektronikerin für Betriebstechnik. Für ihren erfolgreichen Abschluss zur Fachpraktikerin für Baugruppenmechanik wurde sie von der IHK Arnsberg Hellweg Sauerland als "Beste Absolventin des Ausbildungsjahres 2019/2020 im Land Nordrhein-Westfalen" ausgezeichnet. 

WDR: Kannst Du dich an Momente erinnern, in denen Du dich von der Gesellschaft allein gelassen fühltest?

Ronja schreibt an der Tafel

Ronja Pastoors ist die Beste Absolventin ihres Jahrganges

Ronja Pastoors: Davon gab es sehr viele. Egal ob im Kindergarten, in der Schule oder auch im Alltag. Ganz schlimm war die Zeit, als ich langsam nicht mehr auf meinen Rollstuhl angewiesen war. Plötzlich hieß es: Du bist doch gesund. Was stellst du dich an? Was mich am meisten getroffen hat, war die Tatsache, dass viele Menschen sich nie mit mir, meiner Krankengeschichte und meinem jahrelangen Kampf auseinandergesetzt, sondern mich immer nur von außen beurteilt haben. Behinderung ist manchmal nicht unbedingt sichtbar. Diese Oberflächlichkeit vieler Menschen tut sehr weh.

WDR: Was muss sich innerhalb der Gesellschaft verändern, gerade im Bezug auf Menschen mit Behinderung? 

Ronja Pastoors: Sobald die Gesellschaft an Menschen mit Behinderung denkt, stecken sie sie in eine Schublade. Das ist bescheuert. Es sollte kein Schubladendenken geben. Schubladendenken führt nur zur Ausgrenzung. Jeder hat klar irgendwo seine Probleme, und Leute mit Behinderung halt ein bisschen mehr. Aber jeder trägt seinen Teil innerhalb der Gesellschaft bei. 

WDR: Wie wichtig ist es, dass Menschen an einen glauben? 

Ronja Pastoors: Unendlich wichtig. Der Glaube meiner Mutter, meiner Familie an mich und meine Fähigkeiten hat mir Kraft gegeben, zu kämpfen. Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden, meine Hürden langsam abzubauen, Sachen zu erlernen. Es war nicht immer einfach, aber zu wissen, dass Menschen hinter mir stehen und an mich glauben, hat mich hierhin gebracht.

WDR: Heute absolvierst Du eine Ausbildung zur Elektronikerin für Betriebstechnik im Bildungswerk Olsberg-Bigge. Bist fast fertig und hast schon einen Job in Aussicht. Wie ist das für Dich?

Ronja

Die 22-Jährige weiß, was sie im Leben möchte

Ronja Pastoors: Ich bin dankbar für die Möglichkeit, die ich bekommen habe. Die vergangenen vier Jahre hier im Bildungswerk haben mich enorm geprägt. Ich bin über mich hinausgewachsen, bin selbstbewusster geworden, habe Freunde gefunden. Jetzt habe ich eine Perspektive und freue mich auf meine Zukunft. 

WDR: Gibt es etwas, auf das Du stolz bist? 

Ronja Pastoors: Ich bin stolz darauf, dass ich nicht aufgegeben habe und immer weitergemacht habe. Ich habe noch vieles zu erreichen. Ich gebe nicht auf.

Stand: 16.09.2021, 09:55