Maren Urner im Interview.

"Bereit sein, das eigene Weltbild zu hinterfragen"

Stand: 04.04.2022, 07:52 Uhr

Prof. Dr. Maren Urner ist 1984 geboren, Neurowissenschaftlerin, Professorin für Medienpsychologie und hat 2016 in Münster das Online-Magazin "Perspective Daily" mitgegründet. Im Rahmen der Themenwoche "Lasst uns reden!" hat Lokalzeit.de sie zu einem ihrer Forschungsbereiche interviewt: Kommunikation.

Lokalzeit.de: Viele fragen sich derzeit, ob es wirklich schwieriger geworden ist, miteinander zu reden. Ist es oder ist es nicht?

Maren Urner: Ich glaube nicht, dass es schwieriger geworden ist. Ich glaube, es ist ein bisschen anstrengender, weil wir mehr Möglichkeiten haben, miteinander in Austausch zu treten. Das ist auf der einen Seite natürlich eine Riesenchance, aber auch herausfordernd, weil Kommunikation bunter und vielfältiger geworden ist.

Lokalzeit.de: Warum enden Diskussionen häufig in einer Sackgasse?

Urner: Wir sollten alle ein bisschen darüber wissen, wie unser Gehirn funktioniert. Eine Sache, die wir alle in uns tragen, ist der sogenannte Bestätigungsfehler oder auch "confirmation bias". Das heißt, dass wir Dinge, die in unser Weltbild passen, eher gut finden und glauben als Dinge, die das nicht tun. Oft unterhalten wir uns darum lieber mit Menschen, deren Überzeugungen unseren ähneln, weil sie unser eigenes Weltbild bestätigen. Das ist aber nicht zielführend, wenn wir die Welt besser verstehen wollen. Denn nur, wenn ich auch mal Leuten zuhöre, deren Ansichten ich nicht teile, also über den berühmten Tellerrand blicke, lerne ich auch selbst dazu.

Lokalzeit.de: Geistige Bequemlichkeit ist also ein Problem, Engstirnigkeit ein anderes?

Urner: Unsere Gehirne sind nicht gleich, und darum sehen wir Dinge auch unterschiedlich. Es gibt weder die eine Wahrheit noch die eine Wirklichkeit, weil unser Gehirn aufgrund von genetischen Unterschieden und unseren Erfahrungen beeinflusst wird. Die einzige Chance, die wir haben, ist zu beschreiben, wie wir eine Sache interpretieren. Es wird niemals passieren, dass wir und andere die Welt gleichzeitig auf die gleiche Art und Weise wahrnehmen. Dadurch entstehen Missverständnisse.

Lokalzeit.de: Erwarten wir von uns selbst zu wenig und zu viel von anderen?

Urner: Es besteht die Gefahr, dass wir uns für objektive Informationsverarbeiter und jemanden, der eine Sache anders sieht, für dumm oder schlecht informiert halten. Wenn wir mit der Haltung ins Gespräch einsteigen, drängen wir den anderen in die Defensive und sind auch selbst kaum offen für Argumente. Man muss bereit sein, auch sich und die eigene Wahrnehmung sowie das eigene Weltbild zu hinterfragen. Das ist die wichtigste Grundlage für funktionierende Kommunikation, die alle Beteiligten bereichert.

Lokalzeit.de: Wenn ich jetzt aber auf eine Person treffe, die dicht macht - ergibt ein Gesprächsversuch dann überhaupt Sinn?

Urner: Wenn ich eine Kommunikation starten und einen konstruktiven Weg einschlagen möchte, sollte ich gucken, was ich mit meinem Gegenüber verbinde - das kann der Musikgeschmack sein oder dass wir z.B. beide Eltern sind. Wenn ich den kleinsten gemeinsamen Nenner und damit eine gemeinsame Basis gefunden habe, ist es leichter, auch über die Unterschiede zu diskutieren. Wir schalten mental in einen anderen Modus, wenn wir uns als Teil derselben Gruppe wahrnehmen. Es geht dann nicht mehr darum, sich abzugrenzen, zu gewinnen oder Sündenbocksuche zu betreiben. Das klingt simpel, ist aber psychologisch ein großer Schritt: anstrengend, aber lohnend.

Lokalzeit.de: Okay, wir brauchen also mehr Verständnis füreinander, sollten mehr zuhören als selbst reden und was sonst noch?

Urner: Mehr Ich-Botschaften als Du-Botschaften senden - denn wenn ich über meine Wahrnehmung spreche, erkläre ich mich. Du-Botschaften sind oft Vorwürfe. Fragen stellen ist auch ein wichtiges Werkzeug, um auch zu signalisieren, dass man sich nicht nur für sich und seinen Blickwinkel interessiert, sondern auch versucht, das Gegenüber zu verstehen. Neugier ist ganz wichtig in der Kommunikation, weil wir uns öffnen und nicht auf unserem Standpunkt verharren.

Lokalzeit.de: Viele reagieren ja auch beleidigt, wenn ihnen jemand widerspricht. Wie schafft man es, in Diskussionen nicht alles so persönlich zu nehmen?

Urner: Klassisches Beispiel: Wir gehen irgendwo einkaufen und jemand ist schlecht gelaunt und lässt das gefühlt an uns aus. In solchen Situationen überinterpretieren wir oft, wie wichtig wir für andere sind. Dabei hat da jemand wahrscheinlich eher ein Problem mit sich und weniger mit uns. Wir sollten anmerken, wie es bei uns ankommt und dass wir das so nicht möchten, statt zurück zu schnauzen. Denn nur weil jemand sendet, also in diesem Fall unfreundlich ist, hat das noch lange nichts mit uns zu tun. Man muss sich nicht jeden Schuh anziehen!

Das Interview führte Andrea Hansen

Prof. Dr. Maren Urner - Professorin für Medienpsychologie

Prof. Dr. Maren Urner ist 1984 geboren, Neurowissenschaftlerin und seit Oktober 2019 Professorin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin. Ihre Promotion erlangte sie am University College in London.

In Münster gründete sie 2016 "Perspective Daily" mit - das erste werbefreie deutschsprachige Online-Magazin für Konstruktiven Journalismus. Hier leitete sie die Redaktion bis März 2019 als Chefredakteurin und war Geschäftsführerin. 2016 sammelte das Team im Rahmen einer groß angelegten Crowdfunding-Kampagne über eine halbe Million Euro von mehr als 12.000 Menschen. Damit wurde sie zur Unternehmerin, Chefredakteurin und Pionierin für die internationale Bewegung des Konstruktiven Journalismus.

Am 04.04.2022 startet im WDR Fernsehen die Themenwoche "Lasst uns reden!"

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