Selbsthilfegruppen im Märkischen Kreis starten wieder

Selbsthilfegruppen im MK starten wieder 03:16 Min. Verfügbar bis 04.11.2022

Selbsthilfegruppen im Märkischen Kreis starten wieder

Wer in den vergangenen Monaten Hilfe zur Selbsthilfe gesucht hat, hatte es besonders schwer. Ina Rath vom Paritätischen Wohlfahrtsverband erzählt im Interview, wie es ihre 150 Gruppen im Märkischen Kreis durch die Pandemie geschafft haben.

WDR: Wie haben die Selbsthilfegruppen im Märkischen Kreis die Pandemie überstanden?

Ina Rath: "Vor Corona hatten wir 160 Gruppen. Jetzt haben wir 150. Vielleicht haben wir zehn Gruppen verloren. Vielleicht tauchen sie in den nächsten Wochen aber auch noch auf. Wir sind auf jeden Fall glücklich, dass es anscheinend viele Gruppen geschafft haben, diese schwierige Zeit zu überstehen.

Sie haben kreative Lösungen gesucht und oft auch gefunden. Es gibt Gruppen, die haben ganz viel die neue Technik genutzt. Die haben zum Beispiel Walk and Talk gemacht, sind also draußen spazieren gegangen. Andere haben Videokonferenzen gemacht. Da hat jeder so seine Lösung gefunden."

WDR: Und viele Telefone sind heißgelaufen?

Ina Rath, Leiterin der Selbsthilfe-Kontaktstelle

Ina Rath betreut 150 Selbsthilfegruppen im Märkischen Kreis.

Rath: "Ich habe Rückmeldungen bekommen, dass Telefonate intensiver geführt worden sind als vorher. Da war plötzlich eine andere Qualität da. Jeder hatte mehr Ruhe, mehr Zeit. Dadurch konnten ganz andere Telefonate geführt werden. Selbsthilfe per Telefon."

WDR: Nicht alle Gruppen haben die Kontakte halten können. Was bedeutet es für den Einzelnen, wenn das Treffen in der Selbsthilfegruppe plötzlich wegbricht?

Rath: "Diese Menschen waren alleine. Sie waren einsam. Ich denke, Erkrankungen isolieren immer. Und diese Menschen waren noch isolierter. Jetzt müsste es Selbsthilfegruppen geben, in denen Menschen das aufarbeiten können, was sie mit Corona erlebt haben."

WDR: Warum sind Selbsthilfegruppen so gefragt?

Rath: "Wir sind mündige Patienten geworden. Wir beschäftigen uns mit unseren Krankheiten, unseren Krisen, informieren uns. Wir wollen verstehen, was mit uns passiert. Wollen es kontrollieren und nicht alleine damit bleiben."

WDR: Und wollen unser Wissen weitergeben?

Rath:  "Auch. Wir wollen aber auch die Erfahrungen der anderen kennenlernen. Wir wollen uns vernetzen. Selbsthilfe stärkt ungemein."

Ina Rath

Ina Rath vom Paritätischen Wohlfahrtsverband betreut die 150 Selbsthilfegruppen im Märkischen Kreis. Wer sich für die Gruppen und Angebote der Kontaktstelle interessiert, kann sie per Mail unter selbsthilfe-mk@paritaet-nrw.org erreichen.

WDR: Was zeichnet die Selbsthilfe in Ihren Augen aus?

Rath: "Dass es kein System ist, das von Profis gemacht wird. Und dass hier jeder selber entscheiden kann, ob das etwas für ihn ist oder nicht. Selbsthilfe ist freiwillig."

WDR: Wie stehen die Profis zur Selbsthilfe? Ärzte, Therapeuten?

Rath: "Letzte Woche kam eine Frau zu mir und fragte nach einer Selbsthilfegruppe, weil ihre Psychologin ihr einen Flyer der Gruppe gegeben hatte. So etwas freut mich natürlich, könnte aber öfter vorkommen. Was mich auch freut, ist zum Beispiel, dass das Krankenhaus in Plettenberg jetzt als 'Selbsthilfefreundliches Krankenhaus' zertifiziert wurde. Das zeigt, dass Selbsthilfe in immer mehr Köpfen ankommt."

WDR: Was lieben Sie an Ihrer Arbeit hier in der Selbsthilfekontaktstelle?

Rath: "Ich bringe Menschen zusammen. Ich lerne die unterschiedlichsten Menschen kennen, oft sehr starke Menschen."

WDR: Ist jetzt mit 150 Selbsthilfegruppen das Ende der Fahnenstange erreicht?

Rath: "Auf gar keinen Fall. Ich habe noch viele Ideen. Außerdem gibt es immer Menschen, die plötzlich in meinem Büro stehen und eine Gruppe gründen möchten. Da bin ich immer dabei.“

Das Interview führte Katja Brinkhoff.

Stand: 04.11.2021, 06:00