Hochwasserforscher: "Wir reden hier von einer Naturkatastrophe"

Jürgen Jensen, Professor für Wasserbau 03:54 Min. Verfügbar bis 16.07.2022

Hochwasserforscher: "Wir reden hier von einer Naturkatastrophe"

Nach dem heftigen Dauerregen mit Überschwemmungen und Hochwasser führen viele Flüsse und Bäche weiterhin Hochwasser, Straßen sind überschwemmt und Keller vollgelaufen. Hätte man vorsorgen können? Talsperren oder Städte anders planen können? Im Interview sagt Hochwasserexperte Jürgen Jensen von der Uni Siegen: Auf solche Ereignisse kann man sich nicht einstellen.

WDR: Haben Sie sowas in diesem Ausmaß schon mal erlebt?

Flutwelle in Echthausen

Hochwasser in Echthausen

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Jensen: In dieser Region habe ich eine solche Katastrophe, die ja für viele Betroffene wirklich eine Katastrophe ist, noch nicht erlebt. Auch nicht in dieser Ausprägung, was das betroffene Gebiet angeht: das geht ja bis Belgien, Frankreich weiter. Das ist wirklich ein dramatisches Ereignis, leider auch mit Todesfällen, was in dieser Form außerordentlich selten ist.

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Jensen ist Professor für "Wasserbau, technische Hydraulik und wasserbauliches Versuchswesen" an der Universität Siegen. Zwei seiner Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Hochwassersicherheit und der Klimafolgenforschung bei Extremereignissen. Er ist seit 2008 Mitglied des "HochwasserKompetenzCentrums" und seit 2012 Mitglied des "Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge".

WDR: Sie haben ja große Erfahrung damit, Flussläufe in Modellen nachzubilden und Hochwasser zu berechnen. Konnten Sie das, was wir jetzt erleben, schon in den Modellen voraussehen?

Jensen: Ja, zum Teil schon. Wir befassen uns normalerweise mit Ereignissen, die wir beherrschen können. Wir versuchen die baulichen Maßnahmen so anzupassen, dass sie Hochwasser möglichst verhindern, z.B. Talsperren so anzupassen, das sie Wasser zurückhalten können. Aber das geht nur bis zu einem bestimmten Ereignis.

"Auf solche Ereignisse kann man sich nicht einstellen"

Männer vom Technischen Hilfswerk stehen um eine stark beschädigte Straße

Eingestürzte Straße in Altena

Hier reden wir über eine Naturkatastrophe. Das sind Ereignisse, auf die wir uns eigentlich nicht vollständig einstellen können, auf die man nur im Sinne einer Schadensminderung einwirken kann, sodass die Folgen nicht so dramatisch sind.

Aber es sind Ereignisse, die außerhalb der üblichen Bemessungsaufgaben und Planungen zu sehen sind. Das betrifft dann Flächenvorsorge und auch Eigenvorsorge. Man muss hier versuchen die Folgen abzumildern, aber bauliche Maßnahmen sind nur sehr, sehr selten möglich.

WDR: In Arnsberg ist die Ruhr renaturiert worden, vergleichbares gibt es auch in anderen Bereichen Südwestfalens. Können Sie sagen, "Ok, das hat auf jeden Fall schon mal was gemacht"?

Jensen: Natürlich bringen Renaturierungen und Entsiegelung der Oberflächen einen positiven Beitrag. Aber das gilt weniger für solche katastrophalen Ereignisse. Wenn der Boden voll mit Wasser ist, dann kann er natürlich nichts mehr aufnehmen, egal ob er versiegelt wurde oder nicht.

Renaturierungen mit Rückhalteräumen an Flüssen sind so lange von Vorteil, wie das Wasser gespeichert wird und nicht in größeren Mengen abfließen kann. Aber hier bewegen wir uns in Bereichen, die diese Retensionsräume vollständig in Anspruch genommen haben. Egal ob Talsperren oder Rückhaltebecken, wenn voll, dann voll und dann kann nichts mehr zwischengespeichert werden.

WDR: Faszinieren Sie als Wissenschaftler solche Ereignisse oder ist das jetzt doch ein Ausmaß wo Sie sagen, "Nee, das ist nicht mehr schön"?

Jensen: Es ist natürlich Faszination. Ich komme von der Küste, ich war 1962 mit meinem Vater bei der Sturmflut sozusagen vor Ort und habe die dramatischen Folgen von Hochwasser, in diesem Fall von Sturmfluten, kennengelernt. Auch bei dem ein oder anderen Hochwasserereignis an der Elbe, am Rhein bin ich vor Ort gewesen. Es ist wirklich, denke ich Faszination, aber eben auch Sorge, dass wir uns zukünftig besser auf solche Ereignisse einstellen müssen. Das bedingt jetzt, nach diesem Hochwasser, auch, sich auf das nächste Hochwasser vorzubereiten.

Das Interview führte Michaela Padberg.

Stand: 16.07.2021, 08:56