Interview: Einsatz gegen Gewalt an Frauen

Porträit einer Frau mit blonden Haaren. Auf dem Kopf trägt sie eine Brille.

Interview: Einsatz gegen Gewalt an Frauen

Tatjana Michael aus Arnsberg hat jahrelang physische und sexuelle Gewalt erlebt. Heute ist sie stark genug um über das Erlebte zu sprechen. Mehr noch - Sie hat vor einem Jahr eine Selbsthilfegruppe in Arnsberg gegründet, um Betroffene nach einer Therapie zu unterstützen. Vor kurzem ist eine weitere Selbsthilfegruppe in Soest dazugekommen. 

WDR: Vor einem Jahr haben Sie eine Selbsthilfegruppe in Arnsberg für Opfer sexualisierter Gewalt gegründet. Rückblickend, wie sind Ihre Erfahrungen?

Tatjana Michael: Der Start war enorm, die Resonanz sehr groß. Leider durften viele Treffen durch Corona nicht in Präsenz stattfinden. Wir haben dann einfach andere Wege wie Telefonate oder Emails genutzt. Heute können die Gruppen auch als Online-Meeting stattfinden. Insgesamt war es eine meiner besten Entscheidungen diese Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. Die Frauen erhalten innerhalb der Gruppe Kraft, Verständnis und Unterstützung. Dafür sind alle enorm dankbar. 

WDR: Nur 5-10% der Fälle häuslicher Gewalt werden zu Anzeige gebracht. Warum glauben Sie ist das so? Angst, Scham? 

Der Ratgeber "Du bist nicht alleine" von Frauenberatung

Hilfe gibt es auch bei einer Frauenberatungsstelle

Michael: Ich denke es ist definitiv Angst und Scham. Angst selber Schuld an der Situation zu sein, Angst vor dem Partner, Angst was die Anderen sagen, Angst was passiert danach. Scham, weil es mir passiert ist oder "mir glaubt eh keiner".

WDR: Was brauchen die Frauen, ihrer Meinung nach, in einer akuten Situation?  

Michael: Vor allem jemanden der zuhört und nicht wertet. Sie müssen überlegen, wie viel Überwindung es braucht, überhaupt jemanden anzusprechen. Ich selbst habe damals lange gebraucht um überhaupt den ersten Schritt zu gehen. Weiterhin muss es meines Erachtens mehr Anlaufstellen geben und die Vernetzung dieser Anlaufstellen sollte noch besser organisiert sein. Sich allein fühlen, lässt Frauen oft wieder zurück gehen, zurück zur Gewalt. 

WDR: Sie selbst waren damals Opfer von sexualisierter Gewalt. Warum war es Ihnen so wichtig anderen Frauen zu helfen? 

Michael: Ich habe durch meine Erlebnisse einen starken Gerechtigkeitssinn entwickelt und ich habe gleichzeitig auch gemerkt, wie alleine man am Ende sein kann. Natürlich sind da erstmal Freunde oder Angehörige, die für einen da sind, doch im Laufe der Zeit war es bei mir so, dass ich mich nicht mehr austauschen wollte, weil ich dachte „ich nerve" nur. Das Gefühl wird oft vermittelt. Das kann sehr schnell zur Isolation führen. Und das ist die große Gefahr. Wenn du dich einsam fühlst, fangen schnell wieder alte Denkweisen an zu dominieren. Genau hier hilft die Gruppe, nicht wieder in diese Denkmuster zu verfallen und Halt zu geben. 

Straftaten nehmen zu

Bereits zum 40. Mal findet in diesem Jahr der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen statt. Ein Tag, der besonders in der aktuellen Zeit immer mehr Bedeutung hat - denn die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Das bestätigen auch Zahlen, die das Justiz- und Familienministerium vor ein paar Tagen veröffentlicht hat. Demnach ist die Zahl der Gewaltopfer in Partnerschaften im Vergleich zum Vorjahr um mehr als vier Prozent gestiegen.

WDR: Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Tatjana Michael

Tatjana Michael wünscht sich mehr Verständnis

Michael: Mehr Verständnis, wobei ich sagen kann, dass ich da schon eine Verbesserung sehe, weil dieses Thema vor Jahrzehnten komplett tot geschwiegen wurde. Ich würde mir auch wünschen das Frauen - egal welchen Alters, egal welcher Schicht, mit ihren Problem, mit ihrer Angst Ernst genommen wird. Denn sexuelle oder psychische Gewalt findet in allen sozialen Bereichen statt. Zudem brauchen wir noch mehr Öffentlichkeitsarbeit für die Opfer. Und vor allem sollten die Opfer ermutigt werden eine Anzeige zu stellen. Denn jede Anzeige macht die Problematik sichtbar. Nachbarn,Kollegen sollten nicht wegsehen und die Verjährungsfristen sollten geändert werden.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Hilfe & Beratung:

Stand: 25.11.2021, 07:33