Ex-Häftling berichtet Soester Schülern vom Gefängnis-Alltag

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und redet zu Schülern

Ex-Häftling berichtet Soester Schülern vom Gefängnis-Alltag

  • Früherer Strafgefangener besucht Soester Schulklasse
  • Vorbereitungen auf Schulbesuch im Gefängnis
  • Interview über falsche Vorstellungen vom JVA-Alltag

Schüler der Pauli-Hauptschule in Soest haben sich am Montag (11.02.2019) auf einen Besuch in einem Gefängnis vorbereitet. Dazu kam ein ehemaliger Häftling zu ihnen in die Klasse. Dirk Michgehl gehört zum Verein "Gefangene helfen Jugendlichen". Wir haben ihn zum Interview getroffen.

WDR: Herr Michgehl, Sie waren zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden, wurden 2016 vorzeitig entlassen. Warum engagieren Sie sich im Verein?

Dirk Michgehl: Erstmal war es für mich eine Perspektive nach dem Knast, dass man einen Halt kriegt und nicht wieder dahin zurück geht, wo man hergekommen ist. Es macht im Nachhinein absolut Sinn für mich, dass ich diese ganzen negativen Sachen - die Verbrechen - dazu verwenden kann, junge Menschen davon abzuhalten, denselben Weg zu gehen.

Dirk Michgehl ist 53 Jahre alt. Er wurde im März 2011 wegen bewaffneten Drogenhandels inhaftiert und im Juli 2016 vorzeitig entlassen. Er saß insgesamt fünfeinhalb Jahre hinter Gittern. Heute engagiert er sich für den Verein "Gefangene helfen Jugendlichen". Michgehl lebt im Sauerland.

WDR: Was für Vorstellungen haben die Jugendlichen vom Gefängnis?

Michgehl: Was so im Fernsehen kommt: Chromblitzende Übungsgeräte im Freistundenhof, es wird viel Basketball gespielt, man hat Spaß, kifft, spielt Karten, kocht zusammen. Das sind die Sachen, die sie aus dem Fernsehen kennen oder von Bekannten, die Hafterfahrung haben. Aber da sagt keiner: Ich hab da abends gelegen und hab geheult, weil ich nicht mehr konnte. So werden nur die vermeintlich schönen Sachen weitergegeben.

"Kein Handy, keine Playstation, kein Fernseher"

WDR: Sie erzählen im Unterricht vom Leben hinter Gittern. Was berichten Sie?

Ein Mann steht vor einer Gruppe Schülern

Will, dass Kids nicht auf die schiefe Bahn geraten: Dirk Michgehl

Michgehl: Ich erzähle, dass sie Unterwäsche tragen müssen, die hunderte Gefangene vor ihnen auch schon getragen haben, dass sie auf einer Pritsche mit Schaumgummi-Matratze schlafen, dass es stinkt, auf dem Hof die Ratten laufen und es kein Handy, keine Playstation und keinen Fernseher gibt. In Untersuchungshaft darf man nur zwei Mal die Woche duschen. Da gibt es für 20 Männer insgesamt nur eine Viertelstunde Warmwasser, da musst du dich beeilen, damit du noch heißes Wasser kriegst.

WDR: Sie waren vor kurzem das erste Mal mit Soester Schülern in einer JVA. Wie haben sich die Jugendlichen verhalten?

Michgehl: Die Jugendlichen gehen schon recht breitschultrig rein, so Gangsterstyle. Und wenn sie mitkriegen, was da ist, dann kommen sie schon sehr nachdenklich raus. Da sind die Blicke meistens gen Boden gerichtet. Wir erfassen das auch mit Fragebögen, inwieweit da Veränderungen eintreten - zum Beispiel, was Empathiefähigkeit betrifft. Wir stellen fest, dass das einiges bringt. Die Jugendlichen sind geschockt, denken über ihr Leben und ihre Perspektiven nach. Für mich ist das ein tolles Gefühl.

Das Interview führte Elfie Schader.

Die Soester Schulleiterin Sandra Noltsch über den Hintergrund des Präventionsprojektes

00:39 Min. Verfügbar bis 11.02.2020

Stand: 11.02.2019, 16:57

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