"Essen war meine Droge" - Leben mit der Binge-Eating-Störung

Leben mit der Binge-Eating-Störung 03:57 Min. Verfügbar bis 26.03.2022

"Essen war meine Droge" - Leben mit der Binge-Eating-Störung

Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung und nicht - wie viele glauben - Magersucht oder Bulimie. Bis zu vier Prozent der 20- bis 30-Jährigen sind davon betroffen. 

Laura, 25, hat unter dieser Essstörung gelitten und erzählt uns im WDR-Interview, wie die Fressattacken ihr Leben jahrelang bestimmt haben. Heute hat sie die Sucht unter Kontrolle.

WDR: Laura, wie würden Sie Binge Eating beschreiben?

Laura

Laura geht offen mit der Sucht um.

Laura: Es ist eine Erkrankung, ähnlich wie eine Drogenabhängigkeit. Man sucht nach einem gewissen Gefühl, sucht es im Essen. Vor allem der Kontrollverlust ist schrecklich. Man ist einfach nicht mehr Herr seiner Sinne. Sobald ich den Supermarkt betreten habe, war ich ferngesteuert, wie eine Marionette die Sachen kauft und dann isst. Ein Teufelskreis.

WDR: Wie lief so eine Fressattacke ab?

Laura: Wenn ich eine Fressattacke hatte, habe ich immer unkontrolliert eingekauft. Alles, worauf ich Lust hatte, landete im Einkaufswagen. Egal ob Fertiggerichte, Süßigkeiten, Brötchen … es gab kein Limit. Umso mehr, umso besser. Daheim habe ich dann alles aufgerissen und gegessen. Fertiggerichte auch kalt gegessen. Ich habe in diesen Momenten auch keinen Geschmack gehabt. Es ging nur darum, so viel wie möglich in sich hineinzustopfen.

WDR: Ist der Supermarkt ein gefährlicher Ort?

Laura: Heute nicht mehr. Früher war es mein Drogendealer. Hier konnte ich alles kaufen, was mich auf irgendeine Weise befriedigt hat - essenstechnisch. Essen war definitiv wie eine Droge für mich.

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung leiden unter immer wiederkehrenden Essanfällen. Sie nehmen innerhalb kurzer Zeit große Nahrungsmengen zu sich und haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren. Oft leiden Menschen mit einer Binge-Eating-Störung unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Ängsten.

 WDR: Was glauben Sie war der Grund für diese Essstörung?

Laura als Kind

Laura zu Schulzeiten.

 Laura: Ich war nie besonders dünn. In der Grundschule fing es an, dass die Kinder mich nicht mehr als Laura, sondern als die Dicke bezeichnet haben. Meistens habe ich probiert, es runterzuschlucken. Aber es hat natürlich nicht funktioniert. Es hat sich eigentlich ganz viel aufgestaut und die Fressattacken waren dann auch ein Ventil, um ein positives Gefühl zu empfinden. Es war die Suche nach Geborgenheit. Essen hat mich ja nie im Stich gelassen oder verletzt.

WDR: Heute haben Sie die Essstörung unter Kontrolle.  Wie haben Sie es geschafft?

Laura: Die Erkenntnis, dass ich ein Problem habe, war der erste und auch wichtigste Schritt. Danach habe ich mir relativ schnell Hilfe gesucht, habe mit anderen Betroffenen gesprochen, mich sehr viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich schäme mich auch nicht mehr, gehe offen mit dem Thema um. Heute weiß ich, wie ich die Fressattacken kontrollieren kann. 

WDR: Sind Sie am Ziel angekommen?

Laura: Jetzt noch nicht. Und ich glaube auch, dass das noch ein sehr langer Prozess sein wird. Ich weiß auch, dass ich mein Leben lang damit zu kämpfen haben werde, aber das größte Ziel ist die Akzeptanz und das habe ich jetzt erreicht. 

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 29.03.2021, 07:37