Nach dem Messerangriff: Interview mit Andreas Hollstein

Andreas Hollstein

Nach dem Messerangriff: Interview mit Andreas Hollstein

Die Attacke auf den Bürgermeister von Altena hatte laut Staatsschutz ein fremdenfeindliches Motiv. Über den Angriff und mögliche Folgen sprach Andreas Hollstein mit WDR 5.

WDR: Wie haben Sie diese Attacke verkraftet?

Andreas Hollstein: Den Umständen entsprechend gut. Meine Familie hat zu mir gestanden und ich habe ganz viel Zuspruch erhalten aus dem Umfeld und der Politik. Es ist aber auch ein Geflüchteter unangemeldet bei mir im Büro erschienen und hat mich in den Arm genommen. Wohl wissend, dass unsere Gesellschaft nicht nur aus Zuspruch besteht, sondern dass auch die Hassmails, die heute wieder reinkamen, zu verkraften sind.

WDR: Diese Solidarität ist wahrscheinlich auch ganz wichtig für Sie?

Hollstein: Ja, natürlich. Ich glaube, dass das für jeden Menschen wichtig ist, zu sehen, dass man nicht nur körperlich und verbal auf der Abschussliste steht, sondern dass die Gesellschaft sich dagegen formiert. Ich stelle fest, dass Sprache überall mehr verroht und dass wir immer mehr Menschen haben, die auch in sozialen Netzwerken unter Pseudonym andere Menschen verbal angreifen, beleidigen und herab würdigen. Da stimmt was in unsere Gesellschaft nicht mehr. Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die weit über diesen Mini-Fall eines Provinzbürgermeisters in Südwestfalen hinausgehen. Ich bin sehr dankbar, dass zwei türkische Imbissbetreiber mich vor dieser Messerattacke eines deutschen Bürgers bewahrt haben. Den beiden verdanke ich mein Leben.

WDR: Wie würden Sie das einordnen, was Ihnen widerfahren ist? Hat das etwas mit der Flüchtlingspolitik zu tun, die Sie in der Stadt Altena machen?

Hollstein: Ich glaube, dass der Täter kein klassischer politischer Überzeugungstäter ist, sondern ein relativ einfacher Mensch, der aus einer persönlichen Notlage heraus, weil man ihm wohl das Wasser abgedreht hatte, gehandelt hat. In Verbindung mit den Schuldigen, den angeblichen Ausländern, die dazu gekommen sind. Ich war der Sündenbock dafür, dass das möglich war. Das Gift wird von anderen rein gegeben und es gibt dann Menschen, die das aufgreifen und zu Tatwerkzeugen werden. Ich empfinde da keinen Hass, aber auch keine Sympathie. Ich verstehe, dass der Mensch da nicht allein für verantwortlich ist.

WDR: Sie haben gesagt, letztlich sei der Täter ein Werkzeug. Von wem oder von was?

Hollstein: Ich glaube, von der Art und Weise, wie mittlerweile über Menschen gesprochen wird. Ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass alle Geflüchteten Heilige sind. Überall gibt es gute und schlechte Menschen. Das muss man nicht stigmatisieren über die Zugehörigkeit zu Minderheiten. Das darf man als gestandener Demokrat, egal welcher Partei man angehört, nicht zulassen.

WDR: Wie geht man damit um und wie schützt man sich davor?

Hollstein: Man kann sich dagegen nicht schützen. Aber man muss darüber reden, was passiert, wenn Kollegen von mir ihren Job quittieren, weil sie den Druck nicht mehr aushalten.

WDR: Wenn Politiker deshalb nicht mehr weitermachen, welche Wirkung hat das auf lange Sicht - gerade für das Engagement in der Lokalpolitik?

Hollstein: Das wäre fatal. Wer sich heute für die Kommunalpolitik hergibt, hat es nicht verdient, dass sein Bildnis am Galgen dargestellt wird und seine Kinder das sehen, nur weil eine Sachentscheidung gefällt wird.

Das Interview führte Andrea Oster, WDR 5

Altena: Was ändert sich nach Messerangriff?

WDR 5 Morgenecho - Interview | 29.11.2017 | 07:03 Min.

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Stand: 29.11.2017, 12:45