Vor 50 Jahren: Erste Schwulendemo Deutschlands in Münster

Lokalzeit Münsterland 28.04.2022 03:56 Min. Verfügbar bis 28.04.2023 WDR Von Markus Schröder

Vor 50 Jahren in Münster: Erste Homosexuellen-Demonstration in Deutschland

Stand: 29.04.2022, 11:21 Uhr

Am Freitag wird an die erste Homosexuellen-Demo in Deutschland erinnert. Vor genau 50 Jahren sind in Münster rund 100 Aktivistinnen und Aktivisten für die Rechte von Homosexuellen auf die Straße gegangen.

Von Markus Schröder

"Schluss mit den Lügen über Homosexualität", "Homos raus aus den Löchern" und "Schwul sein macht Spaß" - das waren einige der Slogans, die am 29. April 1972 auf der ersten Homosexuellen Demonstration in Münster zu sehen waren. Über 100 Aktivisten zogen damals durch Münsters Innenstadt.

Der Anlass war der erste Geburtstag der Homophilen Studierendengruppe Münster, die die Demo gemeinsam mit Gleichgesinnten aus Bochum organisiert hatte.

Mut zur Demonstration

Es brauchte damals Mut, an solch einer Demonstration teilzunehmen. Denn erst drei Jahre zuvor war der berüchtigte Paragraph 175 von der sozial-liberalen Koalition reformiert worden, so dass nun zumindest homosexuelle Kontakte zwischen Menschen über 21 straffrei waren.

Die Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte der Verteufelung von Homosexualität hatten aber deutliche Spuren hinterlassen. Bei Straßenumfragen des Fernsehens zum Thema Homosexualität erhielten die Reporter Antworten, die eine sehr deutliche Ablehnung erkennen ließen. Die Forderung, Homosexuelle doch wieder einzusperren oder gar zu kastrieren waren keine Seltenheit. In Münster aber blieben nach Auskunft von Teilnehmenden der Demonstration böse Kommentare von Seiten der Passanten aus.

Reinhard Schmidt sitzt vor einer gelben Wand und schaut rechts aus dem Bild.

Reinhard Schmidt war bei der Demo dabei

Reinhard Schmidt war damals Psychologiestudent und bei der Demonstration dabei. "Die Passanten waren damals alle irgendwie überrascht. Sie haben aber keine Sprüche abgelassen - im Grunde lief die Münsteraner Demo recht friedlich ab", erinnert sich Schmidt. Es ging damals vor allem darum, auf sich aufmerksam zu machen. Die Demonstrierenden wollten zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.

Vor allem Studierende hatten demonstriert

Bei dem Protestmarsch waren vor allem Studierende aus Münster und Bochum dabei, aber auch aus anderen Unistädten und aus den Niederlanden. Die Studierendenbewegung hatte den jungen Aktivisten gezeigt, dass es durchaus möglich war, mit radikalen und unpopulären Forderungen auf die Straße zu gehen.

Mit dem Slogan "Homos raus aus euren Löchern" forderten sie auch andere Homosexuelle auf, sich ihnen anzuschließen und sich ebenfalls öffentlich zu ihrer Homosexualität zu bekennen.

Outing war damals selten

Ein "Outing" gab es damals außerhalb eines kleinen Aktivistenkreises kaum. Die Demonstration, so ein Teilnehmer, war aber immerhin ein Startschuss. Heute sind die Teilnehmer der ersten Homosexuellen-Demo stolz, dass sie damals den Mut gehabt haben, auf die Straße zu gehen. Damit hatten sie eine Entwicklung angestoßen, die viele Jahre später unter anderem in der gesetzlichen Akzeptanz der "Ehe für alle" mündete.