Umgang mit Gewalt auf dem Schulhof

Ein Schüler wird mit einem Messer bedroht

Umgang mit Gewalt auf dem Schulhof

In Finnentrop eskaliert ein Streit auf einem Schulhof, zwei Schüler werden schwer, einer leicht verletzt. In Gelsenkirchen schlagen fünf Jugendliche einen 14-Jährigen mit einem Baseballschläger zusammen. Wie können Schulen solche Vorfälle verarbeiten? Diplom-Psychologin Beate Schwagmaier von der Schulberatungsstelle des Kreises Siegen-Wittgenstein gibt im Interview Tipps.

WDR: Wie sollten Schulen auf solche Vorfälle reagieren?

Beate Schwagmaier, Schulberatungsstelle Kreis Siegen-Wittgenstein

Beate Schwagmaier, Schulberatungsstelle Kreis Siegen-Wittgenstein

Beate Schwagmaier: Ein Großteil der Schulen hat ein Krisenteam, zu dem die Schulleitung und besonders ausgebildete Lehrer gehören. Wichtig ist immer, alle gleichmäßig und sachlich zu informieren. Um die Anderen abzusichern, aber auch, um Gerüchten vorzubeugen, die es ja bei solchen Vorfällen zu Hauf gibt. Zum Beispiel, dass die Verletzung übertrieben wird oder über den Anlass spekuliert wird. Dann zu schauen: Gibt es besonders Betroffene? Machen wir in jeder Klasse alles gleich oder ist für manche Klassen Unterricht am besten, aber für besonders Betroffene Unterricht erstmal nicht sinnvoll?

WDR: Was kann das Krisenteam dann mit solchen Klassen machen, um die Krise aufzuarbeiten?

Messerstecherei an Schule

Polizeieinsatz an Gesamtschule in Finnentrop

Schwagmaier: Das kommt aufs Alter an. Mit jüngeren Kindern kann man kreative Dinge machen. Malen, Briefe schreiben. Bei älteren Schülern ist häufig weniger Bereitschaft da, mit Erwachsenen darüber zu reden. Ihnen kann man Raum geben, Fragen zu stellen, wenn sie das möchten und versuchen, ein Gruppengespräch in Gang zu bringen. Vielleicht auch darüber, ob sie selbst schonmal so wütend waren. Dann kann man darüber reden, wie man vorbeugen kann, wenn man in eine vergleichbare Situation kommt.

WDR: Wie können die Lehrer*innen selber solche Situationen verarbeiten?

Schwagmaier: Ich glaube schon, dass der eine oder andere Kollege im Nachhinein nochmal ein paar schlimme Stunden hat. Das habe ich in Krisen oft erlebt. Nochmal zu realisieren, was hätte sein können und auch manchmal hadert, weil das nicht das ist, was er als Beruf machen wollte. Ich glaube aber, dass die Lehrergeneration, die wir jetzt haben, sich bewusst ist, wieviel Pädagogik neben dem Fachwissen ihr Job ist. Und letztendlich ist so ein Krisenteam auch für die Lehrkräfte da. Um auch für sie die Welt wieder zurecht zu rücken: Dass es ein Vorfall war gegenüber all den Dingen, die gut laufen.

WDR: Schulhof-Streit, Drohungen oder auch Schlägereien gibt es oft. Aber wie könnte man rechtzeitig erkennen, dass so etwas eskalieren könnte?

Schwagmaier: Ich glaube, dass es immer Vorgeschichten gibt. Ich glaube nicht, dass es von heute auf morgen so dramatisch wird. Unser System mit vielen verschiedenen Lehrer, mit wenig Zeit für die Lehrkräfte zum Austausch über Schüler macht das schwierig, immer genug Informationen zu haben, um zu erkennen: "Um diesen Schüler müssen wir uns Sorgen machen." Und Corona hat vielleicht auch einiges dazugetan.

WDR: Sie meinen, dass dadurch das Aggressionspotenzial gestiegen sein könnte?

Schwagmaier: Nicht unbedingt das Aggressionspotenzial, aber das Üben angemessener Lösungen fehlte. Schule ist ein Ort, an dem man auch immer mit Leuten auskommen muss, mit denen man sonst nicht zusammen wäre. Die Schüler waren es gewohnt, zum Beispiel mit  Konkurrenten umzugehen. Das haben die Schüler jetzt über eine lange Zeit nicht gehabt.

Das Interview führte Melanie Wensing.

Stand: 01.06.2021, 20:46