Interview: Bemerkenswerte Geschichte eines Gastarbeiterkindes

Türkenjunge schießt Elfmeter 04:08 Min. Verfügbar bis 24.11.2022

Interview: Bemerkenswerte Geschichte eines Gastarbeiterkindes

Von Katja Brinkhoff

Cevdet Aydin kam als Dreijähriger mit Mutter und Bruder aus Istanbul nach Deutschland. Er wohnte in Wenden, sein Vater arbeitete im Siegerland. Grundschule, Hauptschule, Lehre. So sah Cevdets Weg aus. Der 51jährige lernte Maschinenschlosser, schulte um zum Fahrlehrer. Für das Projekt "Erzähle Deine Geschichte" hat er seine aufgeschrieben. Der WDR hat im Interview mit ihm gesprochen.

WDR:  "Wie sind Ihre ersten Erinnerungen an Deutschland?"

Cevdet Aydin: "Wir waren da und mussten uns integrieren. Integrationsarbeit wurde dem Menschen, der da gekommen ist, selbst auferlegt. Der musste versuchen, die Sprache zu lernen. Alles andere war nebensächlich."

WDR: "Sie haben die Sprache auf der Straße und im Fußballverein gelernt, haben Sie erzählt. Sport war ihre Integration?"

Cevdet Aydin

Cevdet Aydin erinnert sich an seine Kindheit

Aydin: "Genau. Es gab Ende der 70er Jahre nichts anderes. Ich bin beim FSV Gerlingen in der D-Jugend gestartet. Da war ich einer von vielen. In unserer Mannschaft gab es Griechen, Deutsche, Jugoslawen, Türken. Wir waren eine Mannschaft. Die Nationalität war egal."

WDR: "Im Sommer 1982 schossen Sie im Pokalspiel das Siegtor für Ihre Mannschaft. Die Zeitungen feierten Sie."

Aydin: "Ich war damals 12 Jahre alt und stand in der Zeitung – in der Schlagzeile. Der Journalist textete "Türkenjunge holte den Sieg".

WDR: „Als Journalistin arbeite ich jeden Tag mit Sprache. "Türkenjunge" kommt in meinem Wortschatz nicht vor. Was war das damals? Gedankenlosigkeit oder Rassismus?"

Blick in die Vergangenheit: Das Foto von Cevdets Fußballmannschaft

Aydins Mannschaft: FSV Gerlingen

Aydin: "Ich habe das als Jugendlicher überhaupt nicht wahrgenommen. Auch um mich herum hat sich niemand an diesem Wort gestoßen. Die Zeiten waren andere. Das war keine Boshaftigkeit. Das war nur so dahergeredet. Die Zeiten waren so."

WDR: "Es hallt aber nach – bis heute."

Aydin: "Heute – als Erwachsener – frage ich mich, warum überhaupt die Nationalität in die Schlagzeile musste? Wenn ein Deutscher das Tor geschossen hätte, wäre seine Nationalität auch nicht explizit genannt worden."

WDR: "Sie glauben, heute wäre so ein Fehlgriff bei der Wortwahl nicht mehr möglich?"

Aydin: "Auf jeden Fall. Deutschland hat sich verändert, ist toleranter geworden, empathischer. Obwohl es Parteien gibt, die wieder in die andere Richtung gehen. Aber das ist hier jetzt nicht Thema."

Lebensgeschichten von Migranten

"Erzähle deine Geschichte" ist ein Projekt in Olpe. Hier schreiben Menschen mit Migrationshintergrund ihre Lebensgeschichte auf. Ins Leben gerufen hat das Projekt die Schriftstellerin Barbara Peveling. Sie war im letzten Sommer Regionsschreiberin in Olpe.

WDR: "In Olpe waren sie zehn Jahre Vorsitzender des Integrationrates. Warum?"

Das Foto von Cevdets Familie

Aydin: "Ich sehe mich selber als verlorene Generation an. Wir wurden alleine gelassen. Da wollte ich Abhilfe schaffen, Menschen mit Migrationshintergrund helfen. Ich habe mich gefragt, was ich in meinem Umfeld tun kann, damit Integration und Zusammenleben besser wird."

WDR: "Eine verlorene Generation". Das sind starke Worte. Empfinden Sie das so?"

Aydin: "Ich habe Maschinenschlosser gelernt und aus gesundheitlichen Gründen auf Fahrlehrer umgeschult. Dafür musste ich Tests machen. Beim Abschlussgespräch sagte der Seminarleiter, dass ich so gute Ergebnisse erzielt hatte, dass sie mir ein Studium anbieten wollten, ich aber dafür zu alt sei."

WDR: "Und dann?"

Cevdet Aydin

Studieren durfte er nicht

Aydin: "Ich habe geweint. Uns Gastarbeiterkindern wurde das nie angeboten. Nie wurde gesagt, du gehst zur Realschule oder auf das Gymnasium. Für uns gab es die Hauptschule. Ende."

WDR: "Sie haben Ihre Geschichte aufgeschrieben. Warum?"

Aydin: "Am Anfang wollte ich bei "Erzähle Deine Geschichte" nicht mitmachen. Dann habe ich mir das anders überlegt, weil ich zeigen möchte, dass es auch Menschen sind, die hier aus fremden Ländern ankommen. Menschen, die hier leben und ihre Sorgen haben. Und das man empathisch mit unserer Geschichte umgehen soll."

WDR: "Läge ich richtig damit, wenn ich Sie als traurigen Menschen beschreiben würde?"

Aydin: "Sie lägen völlig falsch. Ich bin kein trauriger Mensch. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch. Doch man hätte es damals besser machen können."

Dieses Interview führte Katja Brinkhoff.

Stand: 24.11.2021, 07:56