"Wohl kein Zufall": Corona-Verstöße in Freikirchen-Gottesdiensten

Symbolbild: Gläubige beten

"Wohl kein Zufall": Corona-Verstöße in Freikirchen-Gottesdiensten

Ob Herford, Essen oder anderswo in Deutschland - offenbar kommt es gerade in Gottesdiensten von Freikirchen zu Verstößen gegen Corona-Regeln. Warum? Interview mit Theologe Martin Fritz.

Wenn Gottesdienste wegen Verstößen gegen die Corona-Regeln aufgelöst werden, dann sind es häufig Freikirchen. Wie kommt es dazu? Und welche Gefahr geht von freikirchlichen Gemeinden in der Corona-Pandemie aus? Ein Interview mit dem Theologen Martin Fritz, Wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

WDR: Warum kommt es gerade in Freikirchen zu Verstößen gegen die Corona-Regeln?

Martin Fritz: Es gibt Hunderte verschiedene Freikirchen, die sich zum Teil stark unterscheiden, da gibt es wirklich eine große Bandbreite. Die allermeisten Gemeinden halten sich strikt an die Corona-Regeln, viele haben auch sicherheitshalber ganz auf digitale Formate umgestellt. Trotzdem ist es wohl kein Zufall, dass es freikirchliche Gemeinden waren, in denen es zu Verstößen gekommen ist.

WDR: Warum?

Martin Fritz (Wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen)

Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Fritz: Wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner freikirchlicher Frömmigkeit gibt, dann den, dass man sich vom großkirchlichen Christentum absetzen will. Die religiöse Praxis und Lehre in der katholischen und evangelischen Kirche gilt vielen als zu lasch, zu unentschieden, zu sehr von Kompromissen mit dem Zeitgeist geprägt. Den Freikirchen geht es tendenziell um ein intensiveres, entschiedeneres Christentum.

WDR: Und dazu gehören auch Gottesdienste mit mehr Besuchern als erlaubt?

Fritz: Die religiöse Gemeinschaft hat in Freikirchen eine besonders hohe Bedeutung. Darum ist auch die Zahl der Gottesdienstbesucher in freikirchlichen Gemeinden, gemessen an den Mitgliedern, durchschnittlich um ein Vielfaches höher als in katholischen und evangelischen Gemeinden. Und manchen Anhängern von Freikirchen fällt es noch deutlich schwerer als den sogenannten Normalchristen, auf Präsenzgottesdienste zu verzichten.

WDR: Wenn Gottesdienste aufgelöst wurden, dann unter anderem deshalb, weil dort gesungen wurde. Wieso lässt sich nicht einfach auf Gesang verzichten?

Fritz: Dass man zurzeit nicht singen darf, ist wohl für die meisten Gottesdienstbesucher, auch in den Großkirchen, schmerzlich. In manchen Freikirchen - vor allem in charismatisch-pfingstlich geprägten Gemeinden - hat das Singen allerdings einen besonders hohen Stellenwert.

Für viele Gläubige drückt sich gerade im Gesang die Gottverbundenheit aus. Dabei geht es um ein intensives religiöses Erleben. Es geht darum, auf emotionale Weise gemeinsam die Gegenwart des Heiligen Geistes zu spüren.

WDR: In Herford, wo jetzt ein freikirchlicher Gottesdienst aufgelöst wurde, soll es sich um eine deutsch-russische Gemeinde handeln. Spielt auch das eine Rolle bei Corona-Verstößen?

Fritz: Auch hier ist eine Verallgemeinerung schwierig. Es ist aber verständlich, dass es gerade Immigranten schwerfallen kann, auf Gottesdienstbesuche und andere Gemeindetreffen zu verzichten. Viele, die aus dem Ausland herkommen, fühlen sich hier zunächst fremd und ausgegrenzt.

Da kann eine Religionsgemeinschaft zu einer Peergroup, zu einer wichtigen sozialen Bezugsgruppe werden. Auf die will man dann - verständlicherweise - auch im Lockdown nicht verzichten.

WDR: Wie kommt es, dass manche Freikirchen-Vertreter zu massiven Gegnern der Corona-Maßnahmen und Unterstützer der Querdenken-Initiative werden?

Fritz: Einige Freikirchen-Anhänger grenzen sich in ihrem religiösen Enthusiasmus nicht nur von den Großkirchen ab, sondern auch vom säkularen - also areligiösen beziehungsweise religiös neutralen - Staatswesen. Das kann die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien befördern.

Aber auch hier muss man herausstreichen: Eine ganze Reihe wichtiger Freikirchen-Repräsentanten haben sich klar gegen die Querdenken-Bewegung ausgesprochen. Sie haben damit wohl auch für eine deutliche Mehrheit der Gemeindemitglieder gesprochen.

Die Fragen stellte Jörn Seidel.

Stand: 03.01.2021, 15:53