Brandkatastrophe auf Lesbos – Familie fürchtet um ihr Leben

Ein verbranntes Bett und ein Topf liegen auf dem Boden nach einem Feuer

Brandkatastrophe auf Lesbos – Familie fürchtet um ihr Leben

In der Nacht vom 8. auf den 9. September 2020 - heute vor einem Jahr - ging das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos in Flammen auf. Es wurde zum Symbol des Scheiterns der europäischen Flüchtlingspolitik. Nasima (39) und Shamseddin Tajik (46) waren in der Nacht in dem Lager. Heute leben sie mit ihren beiden Söhnen in Arnsberg. Sie haben uns erzählt, was sie damals erlebt haben.

WDR: Wie kamen Sie nach Griechenland?

Nasima Tajik: "Ich bin in Afghanistan geboren. Aber aus diesem Land bin ich mit 13 Jahren geflohen, weil die Taliban unser Dorf eroberten. Dann haben wir lange im Iran gelebt. Aber plötzlich mussten unsere Kinder die Schule verlassen. Und einiges andere war nicht gut. Also sind wir wieder geflohen in die Türkei und über das Meer nach Griechenland. Unser Boot ging kaputt und wir sind auf Lesbos gestrandet. Da war eine Gruppe junger Leute und die haben uns dann geholfen und in das Camp Moria gebracht."

WDR: Was haben Sie in Moria dann gesehen? Wie haben Sie dort gelebt?

Shamseddin und Nasima Tajik sitzen auf einem Sofa und schauen auf ihr Handy

Nasima Tajik: "In der ersten Nacht hat es kräftig geregnet und geschneit. Sie gaben uns nasse Decken. Wir konnten auch später nur selten in Ruhe schlafen. Es war immer laut im Lager. Wir hatten auch kaum Hygieneartikel. Es gab viel zu wenig Toiletten und Duschen für die vielen Menschen. Wir fühlten uns auch sehr unsicher. Es gab Prügeleien."

Shamseddin Tajik: "...und kaum Ärzte. Dort lebten so viele unterschiedliche Menschen aus viele Ländern und da gab es immer mal wieder Streit. Die Polizei hat wenig geholfen."

WDR: Shamseddin, Sie haben uns erzählt, dass Sie im Lager als Freiwilliger gearbeitet haben. Was haben Sie da gemacht?

Shamseddin Tajik: "Am Anfang habe ich bei der Nahrungsausgabe geholfen. Da waren 18.000 Leute, die Essen brauchten. Danach habe ich bei den Weißhelmen von Moria gearbeitet. Wir wollten was gegen Corona tun und ich habe Masken im Lager verteilt. Für Alte und Kranke war das Virus lebensgefährlich."

WDR: In der Nacht vom 8. auf den 9. September 2020 ist dann im Lager Moria ein Feuer ausgebrochen. Es hat am Ende fast das ganze Lager zerstört. Sie waren damals dort. An was erinnern Sie sich?

Shamseddin Tajik: "Wir haben um unser Leben gefürchtet."

Shamseddin und Nasima Tajik sitzen auf einem Sofa und schauen auf ihr Handy

Nasima Tajik: "Wir sind wie immer so um 21 Uhr ins Bett gegangen. Dann wurde es sehr laut draußen, lauter als sonst. Als wir aus dem Zelt guckten sahen wir das Feuer. Wir haben schnell alle Kinder und die alten Leute, die Hilfe brauchten, weg gebracht. Es dauerte keine Stunde, da waren die meisten Sachen von uns verbrannt. Es war schlimm. Wir sind in die nächste Stadt gelaufen, aber die haben uns nicht reingelassen."

WDR: Und wie ist es in den Tagen danach weiter gegangen?

Nasima Tajik: "Danach haben wir zehn Tage im Wald gelebt. Am zweiten Tag hörten wir dann, dass ein Schiff kommt, das Flüchtlinge nach Deutschland, nach Frankreich bringt. Deshalb sind wir zum Hafen gelaufen. Aber es stimmte nicht. Müttern mit Babys und älteren Menschen wurde geholfen, aber wir haben keine Hilfe bekommen. Am Anfang hatten wir nicht mal was zum Essen. Leute, die da wohnten, haben uns wenigstens etwas Wasser gegeben. Nach ein paar Tagen haben Helfer dann aber Essen und Wasser für alle verteilt."

WDR: Sie waren mehrere Monate aus Lesbos. Wie war der Winter nach dem Brand?

Nasima Tajik: "Man wollte, dass wir in ein anderes Ausweich-Camp gehen, aber wir wollten da nicht hin, weil es dort nicht anders war als in Moria. Wir haben protestiert, aber es hat nichts genutzt. Am Ende sind wir dorthin gegangen. Es war kalt, es hat stark geregnet. Der Regen spülte in unseren Unterstand. Es war alles nass. Ein Heizung gab es nicht. Aber mein Mann, unserer beiden Söhne, wir sind zusammen geblieben. Das war sehr, sehr wichtig."

WDR: Wie konnten Sie dann Lesbos verlassen?

Nasima Tajik: "Die IOM, die Internationale Organisation für Migration, hat uns registriert, auch damit wir neue Pässe bekommen. Das dauerte dann sechs Monate bis wir alles hatten und wir waren unglaublich vor als wir dann hörten, dass die IOM uns nach Deutschland bringt. Eigentlich war es sogar egal welches Land, nur weg von Moria und Lesbos."

WDR: Haben Sie noch Kontakt zu den Helfern auf Lesbos? Wissen Sie wie es dort heute ist?

Shamseddin Tajik: "Es hat sich nicht viel geändert. In dem Ersatzcamp dort leben immer noch viel zu viel Menschen."

Das Interview führten Arndt Brunnert und Franz Altrogge

Stand: 09.09.2021, 21:00