Wie Arbeiter in der Fleischindustrie ausgebeutet werden

Wie Arbeiter in der Fleischindustrie ausgebeutet werden

Jahrelang vermittelte er selber Arbeiter zu Dumpinglöhnen. In "die story" enthüllt Erol D. nun das raffinierte System, mit dem die Fleischindustrie in NRW maximalen Gewinn erwirtschaftet.

Es klingt wie ein Wirtschafts-Krimi: Aus Rumänien holte Erol D. Arbeiter nach NRW, um sie auf den Schlachthöfen des Münsteraner Branchenriesens Westfleisch arbeiten zu lassen. Untergebracht in billigsten Unterkünften, wurden die Männer pro Stück zerlegtem Fleisch bezahlt.

Das System des Unternehmens, das jahrelang auf undurchsichtigen Sub-Subunternehmer-Strukturen basierte, ist kein Einzelfall, wie Autor Michael Nieberg für "die story" recherchierte.

WDR.de: Wie funktionierte das Erfolgsprinzip bei Westfleisch?

Zwei Männer im Gespräch

Filmautor Michael Nieberg bei den Recherchen

Michael Nieberg: Mitte der 1990er begann Erol D., dem Schlachtbetrieb Arbeiterkolonnen zu liefern, die nicht bei Westfleisch angestellt waren, sondern Werkverträge mit ihm hatten und nach Stückzahl entlohnt wurden.

Westfleisch begann, der eigenen Stammbelegschaft sukzessive zu kündigen, um so billigere Arbeitskräfte aus Rumänien zu bekommen. Zu besten Zeiten stellte Erol D. mit rund 1.000 Arbeitern ein Drittel der gesamten Belegschaft bei Westfleisch.

WDR.de: Ein Einzelfall?

Nieberg: Nein, das macht die ganze Fleischindustrie so. Ein Schlachtbetrieb, der von Festangestellten auf Werkvertragsarbeiter umsteigt, kann Lohnkosten mindestens um 15 Prozent senken.

WDR.de: Wie kam es zum Bruch zwischen Erol D. und Westfleisch?

Nieberg: Irgendwann stellte D. fest, dass er die geforderten Preise nicht mehr bedienen konnte: Westfleisch habe immer wieder die Stückpreise gesenkt oder angebliche Qualitätsmängel reklamiert.

Erol D.

Seit Jahrzehnten als Subunternehmer tätig: Erol D.

Viele Arbeiter wurden schwarz bezahlt, es gab Scheinrechnungen, nicht abgeführte Sozialbeiträge – Grund für die Staatsanwaltschaft, Ermittlungen aufzunehmen. 2008 wurde D. zu einer Bewährungsstrafe wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

WDR.de: Was war mit den Verantwortlichen bei Westfleisch?

Nieberg: Verfahren gegen Manager wurden gegen hohe Geldstrafen eingestellt – obwohl zugestanden wurde, dass man dieses Sub-Sub-System umfangreich unterstützt hatte. Uns liegen Gesprächsprotokolle der Staatsanwaltschaft Bielefeld mit Westfleisch-Managern vor, wonach es Deals gab, dass man sie bewusst in Ruhe lassen würde.

WDR.de: Und heute?

Nieberg: Nach Angaben von Westfleisch arbeiten noch etwa 2.000 Arbeiter für fremde Werkvertragsfirmen und 3.000 für eigene. Immer noch laufen staatsanwaltliche Ermittlungen gegen andere Subunternehmer.

D. wurde in 2016 rausgeworfen - im Rahmen der Umstrukturierung des Unternehmens, bei der mehr Mitarbeiter in eigene Unternehmen zurückgeführt werden, sagte uns Westfleisch. D. sagt uns, dass er rausgeworfen wurde, da er an internen Ermittlungen gegen Mitarbeiter mitgeholfen habe.

Das Interview führte Nina Magoley.

Hinweis: Westfleisch hat uns nach Erscheinen dieses Interviews darauf hingewiesen, dass heute nicht 3.000, sondern 3.500 Mitarbeiter direkt beim Konzern beschäftigt sind.

Stand: 31.01.2018, 06:30