WDR-Recherche: Corona-Kontaktlisten werden kaum genutzt

Corona-Kontaktbögen werden kaum genutzt 03:26 Min. Verfügbar bis 08.06.2022

WDR-Recherche: Corona-Kontaktlisten werden kaum genutzt

Von Heinz Krischer

Ein wichtiges Instrument zur Pandemie-Bekämpfung wird von vielen Gesundheitsämtern in NRW kaum genutzt. Kontaktlisten, wie sie in Kneipen ausgefüllt werden müssen, verstauben unbeachtet in Kellern. Das zeigen WDR-Recherchen.

Für Luca Conti ist es eine lästige Aufgabe, aber er macht sie gewissenhaft. In seinem Eiscafé in Schwelm bekommt jeder Gast, der sich an einen seiner Tische setzt, sofort die Eiskarte und dazu ein Formular zum Eintragen der Kontaktdaten und mehr: Name, Adresse, Telefonnummer, an welchem Tisch sitzt der Gast, wann gekommen, wann gegangen.

Ein Kellner nur für die Listen mit Kontaktdaten

Eisdielenbesitzer

Café-Chef Luca Conti

"Wir stellen einen Kellner nur dafür ab, der darauf achtet, dass alles ordentlich ausgefüllt wird von unseren Gästen", sagt der Café-Chef. Deshalb ist das Führen der Kontaktlisten für ihn aufwändig und teuer.

Doch Recherchen des WDR zeigen jetzt: Die mit Akribie in zahllosen Restaurants, Friseurbetrieben, Kirchen, Museen etc. geführten Listen verstauben in aller Regel in den Kellern derjenigen, die die Listen anfertigen lassen müssen. Die Gesundheitsämter haben sie seit Beginn der Pandemie im vorigen Jahr nur höchst selten angefordert.

Keine einzige Liste angefordert

Der WDR hat bei 29 Gesundheitsämtern angefragt, ob und wenn ja wie häufig sie die Listen von Restaurants und Friseuren im vergangenen Jahr angefordert haben, 27 haben geantwortet. Viele können über die Häufigkeit keine genaue Auskunft geben, die meisten Gesundheitsämter haben die Möglichkeit aber, wenn überhaupt, nur selten genutzt.

Kontaktbögen

Kontaktlisten nach wie vor meist auf Papier

Das Gesundheitsamt der Stadt Dortmund zum Beispiel hat in diesem Zeitraum noch keine einzige Liste angefordert. Man habe die Kontakte immer über die Angaben der Infizierten ermitteln können, sagte eine Sprecherin der Stadt zur Begründung. Auch im Märkischen Kreis und im Hochsauerlandkreis wurde dieses Instrument nicht einmal genutzt, um Kontakte nach einer Infektion zurückzuverfolgen.

In Hagen wurden die Listen weniger als 10 mal angefordert, in Düsseldorf 30 mal, im Kreis Heinsberg viermal. Im Kreis Coesfeld einmal, berichtet das Gesundheitsamt dort. Eine infizierte Person sei beim Friseur gewesen, da habe man die Kontaktliste angefordert. In Münster heißt es dagegen, das Aufspüren von Kontaktpersonen über die Listen habe sich bewährt.

Auch die digitalen Alternativen wie die Luca-App werden kaum genutzt. Der Kreis Gütersloh setzt sie zwar schon lange ein – genutzt wurden die damit generierten Daten bisher noch nicht. Der Kreis Recklinghausen setzt hier auf die in Herten entwickelte Chekko-App.

Angeblich verschweigen die Bürger Aufenthaltsorte

Angeblich, so die Aussage mehrerer Gesundheitsämter, würden Bürgerinnen und Bürger bewusst oder unbewusst verschweigen, wenn sie in Kneipen etc. waren. Deshalb würden nur so wenig Listen angefordert. Ein weiterer Grund nach Angaben der Gesundheitsämter: Die Infizierten hätten gar keine öffentlichen Einrichtungen oder Gaststätten besucht.

Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Köln: Dort werden die Kontaktbögen nach Angaben eines Sprechers sehr regelmäßig und häufig eingesetzt. Allein im Monat Oktober 2020 zum Beispiel 850 Mal. Mehrmals habe man so Ausbrüche wirksam eingrenzen können. Auch in Hamm wurden die Listen insgesamt immerhin etwa 600Mal angefordert.

"Ohne diese Informationen kommt man nicht weiter"

Prof. Dr. Hajo Zeeb ist Epidemiologe und leitet die Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Er sagt, die Nutzung der Kontaktverfolgung mit diesen Listen sei gerade in der jetzigen Situation, bei niedrigen Fallzahlen, ganz wichtig.

Bei Ausbrüchen müsse man diese Information haben – um dann auch möglichst schnell was tun zu können. Prof. Zeeb: "Wenn man dieses Informationen nicht hat, kommt man nicht weiter."

Stand: 08.06.2021, 15:19