Tönnies: Corona-Ausbruch jährt sich zum ersten Mal

Schriftzug des Fleischbetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

Tönnies: Corona-Ausbruch jährt sich zum ersten Mal

Vor einem Jahr gab es beim Fleischkonzern Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück den großen Corona-Ausbruch. Er hatte erhebliche Konsequenzen - für die Menschen in der Region und für die gesamte Branche.

Im Mai 2020 hatte der Fleischriese Tönnies mit seinen 7.000 Mitarbeitern nur einige wenige Corona-Fälle. Doch Mitte Juni schoss die Zahl der Infizierten in die Höhe. Am Ende lag sie bei 2.100 – das waren Tönnies-Beschäftigte, aber auch deren Angehörige und Mitbewohner. Schnell war klar: das Virus hatte sich in der Tönnies-Produktion ausgebreitet. Öffentlich musste Konzernchef Clemens Tönnies erklären: „Wir sind die Ursache dieses Themas und stehen in voller Verantwortung.“

Lockdown im Kreis Gütersloh

Es kam zum großen Lockdown im Kreis Gütersloh. Knapp 20.000 Menschen mussten in Quarantäne; viele eingeschlossen in engen Wohnungen, bei großer Sommerhitze. Ganze Wohnblocks von Tönnies-Mitarbeitern wurden eingezäunt. Dafür war Verls Bürgermeister Michael Esken verantwortlich. Er habe sich für diesen Schritt entschieden, weil sich einige Arbeiter trotz Quarantäne nach Rumänien absetzen wollten.

Manche Bundesländer und manche Städte schickten Gütersloher Urlauber und Tagestouristen wieder zurück - Schulen und Kitas wurden geschlossen.

Landrat Adenauer kritisierte Tönnies scharf

Auch bei den Behörden war Tönnies unten durch – vor allem ein Satz prägte sich ein. Der damalige Krisenstabsleiter des Kreises Gütersloh, sagte in einer öffentlichen Pressekonferenz: „Das Vertrauen, das wir in Tönnies gesetzt haben, ist auf Null!“ – und das ausgerechnet in der Behörde, deren Chef, Landrat Sven-Georg Adenauer, bis dahin von Kritikern bisweilen Nähe zum Tönnies-Konzern nachgesagt worden war.

Gerade diese Aussage wurde viel zitiert - und kam bei Tönnies gar nicht gut an. Konzernsprecher André Vielstädte: „Das war ein sehr emotionaler Schlag für alle. Warum uns das Vertrauen entzogen wurde, können wir bis heute nicht nachvollziehen - weil die Aussage, wie sie begründet wurde, für uns falsch ist."

Filteranlagen für Produktionshallen

Durch den Corona-Ausbruch fühlten sich die vielen Kritiker des Konzerns bestätigt, sie bemängelten schon vorher die schlechten Arbeits- und Wohnumstände, vor allem der Werkvertragsarbeiter aus Osteuropa. Tönnies musste reagieren. Zum einen baulich: in die Produktionshallen wurden erst nachträglich große Filteranlagen eingebaut. Zwischen Mai und Juni 2020 habe man zu langsam reagiert, so Vielstädte: „Wir hätten gerne früher erkannt, was Aerosole bedeuten. Hätten wir diese Erkenntnis vielleicht vier, fünf, Wochen vorher gehabt, hätten wir diesen Ausbruch vielleicht minimieren können.“

Druck auf Tönnies und Fleischindustrie

Der Corona-Ausbruch verstärkte den öffentlichen Druck auf Tönnies und die Branche: Bis Ende des Jahres wurden die bis dahin branchenüblichen Werkverträge gesetzlich verboten. Tönnies stellte mehr als 6.000 Fremdarbeiter ein und bietet für 4.000 Menschen Wohnraum - so die Angaben des Konzerns. Doch Skepsis bleibt: Gewerkschaften und kirchliche Institutionen bemängeln, dass sich zumindest beim Thema Wohnen die Lage wenig verbessert habe.

Stand: 16.06.2021, 18:59