Andreas Hollstein: "Heute ist mein dritter Geburtstag"

Andreas Hollstein sitzt an seinem Schreibtisch im Altenaer Rathaus, im Vordergrund ist eine WDR-Kamera

Andreas Hollstein: "Heute ist mein dritter Geburtstag"

Von Fritz Sprengart

  • Messerangriff auf Altenas Bürgermeister jährt sich
  • Attacke auf Andreas Hollstein wegen Flüchtlingspolitik
  • Hollstein gibt im WDR-Interview Einblicke in seine Gefühlswelt

Bürgermeister Andreas Hollstein erlebt am Dienstag (27.11.2018) einen scheinbar normalen Arbeitstag im Rathaus von Altena. Doch normal ist an diesem Tag gar nichts. Vor exakt einem Jahr wurde er in einem Döner-Imbiss mit einem Messer angegriffen und am Hals verletzt. Wir haben Andreas Hollstein zum Interview getroffen.

WDR: Heute vor einem Jahr hat ein Mann Sie in einem Imbiss mit einem Messer angegriffen. Wie erleben Sie den 27. November 2018?

Andreas Hollstein: Ich habe vor einigen Jahren eine Krebserkrankung überstanden. Das war mein zweiter Geburtstag. Der 27. November ist mein dritter Geburtstag. An diesem Tag bin ich dankbar, dass ich überhaupt noch lebe. Dafür danke ich der Familie Demir, die den Imbiss betreibt und mir damals geholfen hat. Die haben mir damals das Leben gerettet, indem sie den Angreifer zurückgehalten haben.

WDR: Der Angreifer hat damals gerufen, "du holst 200 Ausländer hier rein und lässt mich verdursten." Warum haben Sie sich damals dazu entschieden, 100 Flüchtlinge mehr aufzunehmen, als Sie nach dem Landesplan gemusst hätten?

Hollstein: Es war damals relativ klar die Not der Menschen, die man da gesehen hat. Ich hatte Bilder in Griechenland gesehen, Schilderungen von Kollegen gehört und war der Meinung, dass wir mit unseren räumlichen Möglichkeiten helfen können, in Maßen. Dazu sind wir als Europäer verpflichtet. Ich hatte auch die Hoffnung, dass das Nachahmer findet.

WDR: Haben Sie sich damals vorstellen können, dass diese Entscheidung so viel Hass und Gewalt hervorruft, dass am Ende sogar Ihr Leben in Gefahr war? 

Andreas Hollstein

Andreas Hollstein am 23. November im "Kölner Treff"

Hollstein: In den Wochen vor der Ankunft der Flüchtlinge hat sich schon sehr viel Unverständnis und Missmut an mir entladen. Damit hatte ich gerechnet, das gehört dazu. Über die Art und Weise, wie das hier und da geäußert wurde, habe ich mich dann aber schon gewundert. Aber dass das dann zu so extremer körperlicher Bedrohung führt, das hätte ich nicht gedacht. Meine Frau hat zugegebenermaßen immer schon gesagt: "Pass auf, dass so was nicht passiert!" Sie hat da mehr Feingefühl für die Situation als ich vielleicht.

WDR: Altena schrumpft seit Jahrzehnten. Von ursprünglich mehr als 30.000 Einwohnern sind nur noch etwa 17.000 übrig. Schwimmbäder, Schulen und ein Krankenhaus mussten deshalb schon geschlossen werden. Konnten die Flüchtlinge helfen, diesen Trend aufzuhalten?

Hollstein: 2016 hatten wir die Situation, dass die ein oder andere Kindergartengruppe hätte geschlossen werden müssen. Das ist definitiv vom Tisch. Wir müssen uns jetzt um mehr Kindergartengruppen kümmern. Die drei Schulstandorte, die wir im Primärbereich haben, sind jetzt auch langfristig gesichert. Insofern ist das eine Win-Win-Situation. 

WDR: Ist es Ihnen auch gelungen, die Flüchtlinge in Arbeit zu bringen?

Hollstein: Anfangs wurde in jedem Geflüchteten ein Computerexperte vermutet, was nicht stimmte. Dann gab es die Gegenbewegung, nach dem Motto: Das wird nie was, und die werden in zehn Jahren noch keinen Job haben. Das ist auch falsch. In Altena haben gut 30 Prozent der Geflüchteten einen Job. Wir sind also auf einem guten Weg.

WDR: Werner S. ist wieder frei. Er lebt in Altena. Fürchten Sie sich vor dem Moment, in dem Sie dem Täter erneut begegnen werden?

Hollstein: Ich bin ihm schon begegnet. Morgens auf dem Weg ins Rathaus. Ich habe festgestellt, dass er den Blickkontakt nicht halten konnte. Ich bin dann an ihm vorbei gegangen und das war's. Ich kann nur hoffen, dass er aus dem Vorfall persönlich etwas lernt.

WDR: Hat der Messerangriff Sie verändert?

Hollstein: Man nimmt Zeit bewusster war, man ist dankbarer dafür, dass man sein kann. Man empfindet auch den Antrieb, das fortzusetzen, was einem wichtig ist. Auch politisch.

Messerangriff auf Andreas Hollstein jährt sich 04:01 Min. Verfügbar bis 27.11.2019

Stand: 27.11.2018, 20:32