Gütersloh: Bertelsmann-Studie kritisiert medizinische Überversorgung

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Gütersloh: Bertelsmann-Studie kritisiert medizinische Überversorgung

  • Bertelsmann-Studie: Deutschland ist medizinisch überversorgt
  • Viele Medikamente, Untersuchungen und Operationen nicht nötig
  • Ärzte und Patienten sollten Behandlungen sorgfältig abwägen
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In Deutschland wird unnötig viel diagnostiziert und operiert. Überflüssige medizinische Leistungen gehen zu Lasten der Patienten. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung, die am Dienstag (05.11.2019) vorgestellt wird. Bis zu 30 Prozent aller Medikamente, Untersuchungen und Operationen seien rein medizinisch vielleicht nicht zwingend nötig. Geld und Personal fehlten an anderer Stelle.

Deutschland Spitze bei den Gesundheitskosten

Das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung untersuchte für die Bertelsmann-Stiftung die aktuelle Forschungsliteratur, befragte außerdem Ärzte und Patienten. Ein Ergebnis: Deutschland gibt rein rechnerisch pro Bürger 4.000 Euro für die Gesundheitsversorgung aus. Das ist mehr als in jedem anderen EU-Land. Aber bei der durchschnittlichen Lebenserwartung liegen die Deutschen nur auf Platz 18. Ein vermeintlicher Widerspruch.

Laut Studie: Viele Operationen unnötig

Laut Studie werden bestimmte Operationen oft durchgeführt, obwohl sie unnötig sind, erklärt Eckhard Volbracht von der Bertelsmann-Stiftung: "Beispiel Schilddrüsen-Operationen: Bei 90 Prozent der operierten Patienten herrschte ein gutartiger Befund vor. Und das bei 70.000 Operationen. Von daher geht man davon aus, dass viele davon bei genauerer Diagnostik nicht hätten durchgeführt werden müssen."

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Studie: Öfter mal abwarten, nicht sofort therapieren

Viele Patienten seien laut Studie zu unsicher und ungeduldig, wenn es um die Therapie einer möglicherweise schweren Erkrankung gehe. In einer repräsentativen Umfrage meinte rund jeder zweite Befragte, jede Therapie sei besser als einfach nur abzuwarten. Eckard Volbracht von der Bertelsmann-Stiftung ist anderer Meinung: "Man sollte durchaus nicht immer Aktivität einfordern. Sowohl Ärzte als auch Patienten unterliegen leider den Glaubenssätzen "Mehr ist in der Regel besser". Sie unterschätzen dabei, dass man da eben Befunde ermittelt, die nie im Leben Probleme hervorgerufen hätten, die nun aber Untersuchungen und weitere Eingriffe nach sich ziehen."

Gesundheitsberater fordern ausführliche Gespräche von Ärzte und Patienten

Gesundheitsberater wie etwa von der Patientenstelle im Bielefelder Gesundheitsladen mahnen, dass sich Ärzte und Patienten mehr Zeit für ausführliche Aufklärungsgespräche nehmen sollten. Denn oft komme es nur deshalb zu unnötigen Behandlungen, weil Patienten den eigentlichen Nutzen und die Risiken nicht richtig einschätzen könnten.

* In einer ersten Version des Textes haben wir davon gesprochen, dass bis zu 70 Prozent aller Medikamente, Untersuchungen und Operationen rein medizinisch vielleicht nicht zwingend nötig seien. Tatsächlich sind es 30 Prozent. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Stand: 05.11.2019, 11:36

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13 Kommentare

  • 13 Roxanne 08.11.2019, 23:32 Uhr

    Überversorgung? Nach einer Distorsion bekam ich glatt ne Packung Ibuprofen. Physio nein, Ultraschall nein, Röntgen nein und gar eine Knie-Bandage, damit das Knie nicht wieder ausrenkt- keine Chance. Jeder GKV- Patient weiß mittlerweile, dass zum Ende des Quartals und zum Ende des Jahres beim Arzt nichts mehr da ist. Im schlimmsten Fall Überweisung ins Krhs.

  • 12 hø'ø 07.11.2019, 17:19 Uhr

    Ich kann's nicht lassen, das muß ich noch posten: Gestern (6.11.2019) habe ich einen (frühestmöglichen) Termin für eine Herz-Kontroll-Wiederholunguntersuchung vereinbart - 7. Mai 2020. Heute wollte ich für meine Frau, die während eines Auslandsaufenthalts kurzfristig eine Operation wegen Knoten in der Brust machen lassen musste, und in den nächsten Tagen wiederkommt, einen Kontrolluntersuchungstermin bei einem Mammologen machen - 12 (ZWÖLF!!!) Monate Wartezeit, bzw. gleich Komplettabsage. Egal, ob GKV, PV oder Privatzahler. BTW: Zwischen Anmeldung, Untersuchung und Operation im Ausland verging lediglich eine Woche. Überversorgung geht anders. Sie wird jetzt länger im Ausland bleiben und dort die Kontrolluntersuchung, die für Ende Dezember vorgesehen ist, machen lassen. Hier hat sie offensichtlich keine Chance dazu.

  • 11 Anna 07.11.2019, 16:22 Uhr

    Für mich zählt nur (plastische) Chirurgie. Je mehr OPn, desto besser! Ich geh nur zu Chirurgen/Chirurginnen, da ich finde, dass man alles optimieren und operativ verbessern kann! Für mich zählt auch nur der Körper!

  • 10 Max 05.11.2019, 20:06 Uhr

    Ich habe auch eher die Meinung das man in diesem Land keines falls von überversorgung sprechen kann. Denn wir haben in diesem Land einfach nur eine riesige Versorgungslücke.

  • 9 Hans 05.11.2019, 18:06 Uhr

    Naja, Bertelsmann Studien halte ich nicht unbedingt für glaubwürdig. Letztens noch Ärztemangel aller Orten, aber die verursachen eine Überversorgung?

  • 8 Chris 05.11.2019, 16:36 Uhr

    Diagnostik wird nur honoriert , wenn Apparate bemüht werden ,die allerdings nicht selbst auswerten können . Da wird dann halt eine Verdachtdiagnose behandelt , nicht der Patient. Und wenn man sich überlegt ,wer die Fortbildung für Ärzte finanziert , muss man sich nicht fragen , ob ein Interesse an der Gesundheit der Patienten wohl im System Priorität hat.

  • 7 FraAngelico 05.11.2019, 15:40 Uhr

    Kassenpatienten werden unterversorgt, Privatpatienten überversorgt. Ärzte und Kliniken melken eben nur diejenigen, die genug Ertrag bringen. Teure Apparatemedizin muss ja ebenso finanziert werden wie die Immobilien der Mediziner. Das ganze Gesundheitssystem bedarf einer grundlegenden Reform. Es lebt von organisierter Fehlversorgung.

  • 6 BieneMaja 05.11.2019, 14:53 Uhr

    Man muss heute höllisch aufpassen, vorallem wenn man Privatpatient ist. Denn mit einer OP wird einfach mehr Geld verdient als mit Gesprächen und alternativen Therapien. Und dann ist es ganz egal, ob man damit das Problem nur verlagert, denn wenn ich operiert worden wäre, wären mit Sicherheit bis heute weitere Operationen gefolgt. Und solange eine OP mehr Geld einbringt, als die Alternativen; solange es Fallpauschalen gibt, die eine feste Behandlungszeit im Krankenhaus voraussetzen, und nicht am Patienten orientiert sind, wird sich auch nichts ändern.

  • 5 Werner Just 05.11.2019, 14:00 Uhr

    > Studie: Öfter mal abwarten, nicht sofort therapieren Abwarten? Warten muss man schon auf den Facharzt-Termin genug. (Kassenpatient mit unklarem Ausschlag, Raum Aachen, Hautarzt = aktuell ca. 3 - 5 Monate) Unter angeblicher Überversorgung leide ich schon mein Leben lang. In meiner Jugend war es im Klassen mit 42 Schülern die Lehrerschwemme, die uns überversorgte.

  • 4 hoe'oe 05.11.2019, 13:43 Uhr

    Im Ausland lacht man mittlerweile über die medizinische Versorgung in Deutschland. Rückständige Diagnoseverfahren (zB bei Allergien), monatelange Wartezeiten, oft unfreundliche, unwilige und selbstherrliche Ärzte, Rezeptpflicht für alles, was stärker als ein Salbeibonbon ist, "Gesundheitschecks", bei denen kaum etwas gecheckt wird, moderne Heilverfahren werden dem GKV-Patienten nicht einmal genannt (es sei denn, er gibt zu verstehen, daß er Selbstzahler ist), Fach- und Landärztemangel. Das alles zu horrenden Kosten. Von Überversorgung kann nach meiner Erfahrung absolut keine Rede sein.

  • 3 Frank 05.11.2019, 13:21 Uhr

    Das mit der Ungeduld zeigt sich doch schon bei kleinen Problemen wie z. B. einer Erkältung. Statt einfach nur zu warten, bis sie vorbei ist, werden da Unmengen von Medikamenten eingeworfen, die meist keinen anderen Nutzen haben als dem Patienten das Gefühl zu geben, geheilt zu werden. Viele andere Erkrankungen könnten langfristig durch Sport (z. B. Rückenprobleme) oder Ernährung (z. B. Diabetes 2) geheilt oder in Schach gehalten werden. Es ist aber einfacher, zu operieren oder Medikamente zu schlucken. Hier liegt die Schuld mit Sicherheit auf beiden Seiten, Patient und Arzt. Es gibt allerdings bestimmt auch Ärzte und Krankenhäuser, die lieber operieren, weil sie damit mehr verdienen.