Leben als Autist 

Jugendlicher mit Asperger Autismus 03:17 Min. Verfügbar bis 16.06.2022

Leben als Autist 

Dass etwas mit ihm nicht stimmt, das merkt Julian aus Lennestadt schon sehr früh. Doch erst mit zwölf Jahren erhält er die Diagnose - Asperger Autismus. Bis dahin war es ein schwerer Weg - nicht nur für Julian. Seine Familie musste sich einiges anhören, wurde oft kritisiert. Im WDR Interview erzählen uns Julian und seine Mutter Bianca Weber, wie ihr Leben vor und nun mit der Diagnose aussah beziehungsweise jetzt aussieht. 

WDR: Julian, du selbst sagst, dass du schon früh gemerkt hast, dass etwas nicht stimmt. Was war anders? 

Familie

Familienleben bei Webers

Julian Weber: Ich habe eher auf Regeln gepocht und auch auf klare Antworten. Ich habe immer Strukturen gebraucht, habe mich auf das gesagte Wort immer verlassen. Also wenn zum Beispiel jemand was verspricht, dann verspricht er das auch und sagt das nicht einfach nur so. 

WDR: Wie haben Sie ihren Jungen erlebt?

Bianca Weber: Julian war ein sehr ruhiges Kind. Er hat viel geschlafen, konnte aber genauso gut Wutausbrüche kriegen. Mit zwei, drei Jahren fing er an, sich auf den Boden zu schmeißen, Klamotten durch die Gegend zu werfen, Sachen kaputt zu machen. Ohne jeglichen Grund und ohne eine Vorwarnung. 

Asperger

Das Asperger Syndrom gehört zu den Autismus Spektrum Störungen. Die Betroffenen weisen oft Defizite im sozialen Miteinander auf. Zudem haben autistische Menschen kein natürliches Verständnis für Gefühle, Gedanken oder Erwartungen anderer. Deshalb haben Sie auch oft Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen, kapseln sich oft ab. 

WDR: Wie hat ihr Umfeld darauf regiert? 

Bianca Weber: Wir haben immer gesagt bekommen, dass wir Julian nicht richtig erziehen, dass wir uns nicht um ihn kümmern. Wir sollten konsequenter sein, strenger. Egal ob von Außenstehenden oder auch von Teilen der Verwandtschaft. Ein Spruch, der uns am meisten getroffen hat: "Geben Sie ihr Kind doch ins Heim. Dann wären alle wieder glücklich." Das war ein Schock. 

WDR: Mit zwölf Jahren erhält Julian endlich die Diagnose. Was hat sich seitdem verändert? 

Bianca Weber: Es war eine große Erleichterung. Endlich hatte all das, was vorher war, einen Namen. Ein weiterer großer Vorteil: die speziell auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Therapie. Wir wissen jetzt genau, wie wir ihm helfen können. Haben aber auch selber gelernt, wie wir mit ihm umgehen müssen. 

WDR: Julian, seit 1 1/2 Jahren gehst Du nun zur Therapie. Was hat sich seitdem für Dich verändert? 

Julian Weber: Ich bin in bestimmten Situationen entspannter, weiß, wie ich mich verhalten kann, damit ich nicht wütend werde. Das war früher immer das größte Problem. Die plötzlichen Auseinandersetzungen, die eskaliert sind. Ich habe gelernt, auf andere einzugehen, habe aber auch gelernt, wann der perfekte Zeitpunkt ist, die Szene zu verlassen. 

WDR: Würden Sie das bestätigen?

Mutter

Bianca Weber

Bianca Weber: Auf jeden Fall. Es ist ein anderes Miteinander. Er öffnet sich uns gegenüber immer mehr, ist in sich schon fröhlicher geworden. Wir können endlich wieder Zeit als Familie genießen, wissen, wie wir mit Julian umgehen müssen, was er braucht, um wieder zu Ruhe zu kommen. 

WDR: Julian, was ist dein größter Wunsch?

Julian Weber: Ich habe meinen Weg gefunden. Ich bin glücklich und freue mich auf die Zukunft. Jedoch wünsche ich mir mehr Akzeptanz von Seiten der Gesellschaft. Als Autist fällt man für die Gesellschaft immer noch aus dem Raster. Genau das sollte sich ändern. Denn nur wenn wir alle aufeinander zugehen, mit Respekt und ohne Vorurteile, können Menschen wie ich ein erfülltes Leben leben.

Das Interview führte Elisabeth Konstantinidis.

Stand: 22.06.2021, 15:14