Plettenberg: Leben mit einem autistischen Kind

Autismus-Ambulanz 03:54 Min. Verfügbar bis 20.02.2020

Plettenberg: Leben mit einem autistischen Kind

Die neue Autismus-Ambulanz in Plettenberg ist Anlaufstelle für Eltern und Erzieher und bietet Therapien für autistische Kinder an. So wie für die 13-jährige Joy, die bei ihrer Oma Andrea Gäde lebt.

WDR: Joy leidet an frühkindlichem Autismus. Ein typisches Symptom dafür ist, dass sie nicht sprechen kann. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Joy anders ist als andere Kinder?

Andrea Gäde, Oma von Joy

Andrea Gäde kümmert sich um ihre autistische Enkelin Joy

Gäde: Das war, kurz bevor Joy in den Kindergarten kam. Bis dahin sprach sie Wörter, wie "Mama", "Papa, "Wauwau". Dann saß sie einen Abend auf dem Sofa und wollte etwas sagen. Und es ging nicht. Da hat sie fürchterlich angefangen zu weinen und hat die Hände vor ihrem Gesicht zusammengeschlagen. Seitdem spricht sie nicht mehr. Aber sie versteht alles.

WDR: Wie verständigen Sie sich mit ihr?

Gäde: Joy hat eigene Zeichen erfunden. Einmal klatschen heißt "ja". Zweimal klatschen heißt "nein". Es ist wie bei allen Menschen. Ich muss auf das Kind eingehen und schon weiß ich, was Joy will.

WDR: Wie würden Sie Joy beschreiben?

Joy spielt

Joy bei der Autismus-Therapie

Andrea Gäde: Für mich ist Joy ein normales Kind wie andere auch. Nur eben etwas anders. Wie soll ich das sagen? Ich habe das Gefühl, Joy denkt, warum versteht ihr mich alle nicht? Ich verstehe euch doch.

WDR: Wen braucht Joy als Bezugsperson?

Gäde: Joy braucht keine anderen Menschen. Sie braucht die Familie. Das sind die Oma, der Papa und der Bruder. Sonst braucht sie nichts. Niemanden.

WDR: Wie sind Sie damals mit der Diagnose umgegangen?

Joys Oma Andrea Gäde im Interview

Für Andrea Gäde ist die neue Autismus-Ambulanz "ein Segen"

Gäde: Unser Kinderarzt hat uns damals in die Autismus Ambulanz nach Dortmund geschickt. Die haben schnell die Diagnose gestellt. Mir konnte das keiner erklären. Ich habe in der Bücherei Bücher besorgt. Zuerst Fachbücher. Dann habe ich Bücher von Eltern gelesen, die auch ein autistisches Kind hatten. Joy war zwar anders, aber trotzdem hatte ich da Anhaltspunkte. Ich wusste, wo ich ansetzen konnte.

WDR: Was bekommt Joy heute für Unterstützung?

Gäde: Joy lernt für ihr Leben gern. Sie geht in Olpe zur Schule. Da sind auch andere autistische Kinder. Zweimal in der Woche geht sie zur Therapie in die DRK Autismus-Ambulanz nach Plettenberg. Da lacht sie schon, wenn wir im Auto sitzen. Weil sie da so gerne ist. Für uns ist das ein Segen, dass wir die Ambulanz jetzt vor der Haustür haben. Die letzten Jahre mussten wir immer bis nach Hagen fahren.

WDR: Glauben Sie, dass Joy in ihrer eigenen Welt glücklich ist?

Gäde: Joy ist mit ihrer Situation glücklich. Wir nehmen sie überall mit hin. Unsere Freunde akzeptieren sie so wie sie ist. Ich würde mir für ihre Zukunft wünschen, dass sie irgendwann sprechen kann. Oder sich schriftlich äußern kann. Das wäre für sie und mich das Größte.

Das Interview führte Katja Brinkhoff.

Stand: 20.02.2019, 14:12