Herforder Marta zeigt "Die Welt im Taumel"

Museumsgebäude "MARTa Herford"

Herforder Marta zeigt "Die Welt im Taumel"

  • Ausstellungseröffnung in Herford
  • Marta zeigt "Die Welt im Taumel"
  • Mehr als 100 Exponate

Um das Thema Haltung in einer scheinbar ins Wanken geratenen Welt geht es seit Samstag (29.06.2019) im Herforder Museum Marta. "Die Welt im Taumel" heißt eine neue Ausstellung, die noch bis Anfang Oktober 2019 zu sehen ist.

Neue Perspektiven

"Aus körperlicher Sicht ist das Beziehen einer Haltung endlich, da die Schwerkraft jeden noch so starken Körper irgendwann überwältigt", teilte das Museum mit. "Überträgt man eine starre Haltung auf die geistige Ebene, kann dies eine Bewegungsunfähigkeit im Denken bedeuten und so die Sichtweise auf andere, vielleicht interessantere Perspektiven einschränken."

Marta Herford zeigt "Haltung und Fall"

Von Thomas Köster

Von #metoo bis #fridaysforfuture: In einer Welt, in der alles wankt, muss man Haltung zeigen. Finden die Kuratoren der Ausstellung "Haltung und Fall" im Museum Marta Herford und zeigen Werke zu diesem hochaktuellen Thema: witzig, politisch, ernst und poetisch.

Haltung und Fall, Marta Herford 2019 (Ausstellungsansicht)

Hält er? Fällt er? Der tschechische Objekt- und Installationskünstler Robert Barta schaut noch etwas kritisch auf seinen Hula-Hoop schwingenden Kaktus. Aber keine Sorge: Der Reifen fällt nie sondern beginnt seine Bewegung immer wieder von vorne. Nur das Material macht irgendwann schlapp: Der Reifen muss nach einigen Wochen ausgetauscht werden.

Hält er? Fällt er? Der tschechische Objekt- und Installationskünstler Robert Barta schaut noch etwas kritisch auf seinen Hula-Hoop schwingenden Kaktus. Aber keine Sorge: Der Reifen fällt nie sondern beginnt seine Bewegung immer wieder von vorne. Nur das Material macht irgendwann schlapp: Der Reifen muss nach einigen Wochen ausgetauscht werden.

In meist spielerischer, teils surrealer und selten konkreter Art und Weise befassen sich die 25 zeitgenössischen Positionen mit "Haltung und Fall" als symptomatischen Gesten unserer Gegenwart. Was ist Klischee, was Individualität? (Cheryl Pope, "Long Reach", 2018)

Immer wieder geht es im Marta um diese beiden extremen Lebensmodelle. Und um die Spannungen, in die sie das Individuum versetzen. Marcel Dzama macht daraus in seinen Panoptiken ein großes, dramatisches Welttheater.

Überhaupt sind Akrobaten, Masken und geheimnisvolle Mischwesen beliebte Motive, um den Taumel der Gegenwart metaphorisch abzubilden. So macht es auch Valérie Favre auf ihrem Gemälde "L'ordre de la nuit" (Die Ordnung der Nacht), das das aktuelle Thema im klassischen Genre der Malerei behandelt.

Sprüche wie die, die sich Cheryl Pope in ihrer Arbeit "Community is Built on Empathy" (2016) buchstäblich auf die Fahnen geschrieben hat, helfen da nur wenig. Vielmehr offenbaren sie, wie schnell Haltung zur hohlen Phrase werden kann.

"Es ist vor allem die gewaltige Natur des menschlichen Körpers, die mich fasziniert, die zahlreichen Facetten der Geschlechterrollen, Altersunterschiede und manifestierten Spuren der eigenen Präsenz", sagt Alexandra Bachzetsis. In ihren Performances und Installationen geht es um die Hinterfragung etablierter Gesten und Verhaltensweisen, die nur scheinbar schützen.

"Die Künstlerin experimentiert mit der Bildsprache der Popkultur, Pornografie, Queer Culture, des Sports und von YouTube-Tutorials", sagen die Ausstellungsmacher. In Alexandra Bachzetsis' Videoarbeiten verbiegen sich die Protagonisten förmlich beim Versuch, gegenüber ihren Rollenklischees Haltung zu bewahren.

Politisch motiviert ist das "Pussy Alphabet" von Katie Holten, die als Protest gegen die Trump-Regierung unterschiedliche Aktivistengruppen involvierte. Die Künstlerin forderte sie auf, sich das "Pussy Alphabet" kostenlos herunterzuladen und dem US-Präsidenten damit einen Brief zu schicken. So wandelt sie ein eigentlich sexistisches Bild in ein Symbol körperlicher Selbstbestimmung.

Und irgendwie ist selbst das, was uns doch eigentlich stützend Sicherheit verleihen sollte, hier alt und gebrechlich geworden. Bei Mona Hatoum beugt sich der Stock – unser "drittes Bein" des Alters - unter der Last des eigenen Gewichts – gehalten nur von einem Nagel.

Überhaupt ist es oftmals nur die Kunst, die uns den Rahmen gibt, um stehen zu bleiben. Oder die Architektur, etwa die von Marta-Architekt Frank Gehry. Wie bei der Frau auf Sarah Debooseres Fotoarbeit "Light Box Component 1: Concrete Burden" (2006). Oder ist sie nicht viel eher gezwungen, den Betonbau mit ihrem Körper zu stützen?

Auch auf den Fotos von Denis Darzacq bleibt alles in der Schwebe. Er bat junge Hip-Hop-Tänzer aus Paris ihre Körper in der rauen Architektur des 19. Arrondissements in Aktion zu versetzen. Auf den Bildern sind sie erstarrt im Zwischenreich zwischen Haltung und Fall.

Und dann kann man im Marta auch noch am eigenen Leib erproben, ob man zu besten Haltungsnoten oder zur modernen Fallsucht neigt, ob man Sand oder Öl ist im Getriebe unserer verrückten Zeit. Hierfür hat der Künstler, Surfer und Eishockeyspieler Robert Barta 500.000 Kugellagerkugeln auf dem Boden ausgeschüttet, die uns in schwankende Wesen verwandeln.

Wer sich traut, die Schlidderschuhe anzuziehen, kann von einem Ende der Kugellagerbahn zum anderen gleiten. Funktioniert reibungslos.

Apropos reibungslos: Vielleicht hilft es ja, sich mit den unsicheren Gegebenheiten abzufinden, sich fallen zu lassen und einfach Spaß dabei zu haben, in den Abgrund zu stürzen? Die Figur auf David Shrigleys Zeichnung "Joy of Falling Through Trapdoor" (2014) macht es vor.

Wer zur Eröffnung der Ausstellung am 29.06.2019 kommt, kann die "Rainbow Action" erleben, mit denen der Performancekünstler Naufus Ramírez-Figueroa seinen eigenen, in Regenbogenfarben bestrichenen Körper zum Ausdrucksmittel macht. Er setzt sich so auch mit der traumatischen Geschichte und repressiven Gegenwart in seinem Heimatland Guatemala auseinander, in der das Regime die Missstände mit bunten Farben übertüncht.

Wer erst nach der Performance in die Ausstellung kommt, sieht immerhin noch die körperbemalte Wand.

"Haltung und Fall. Die Welt im Taumel" ist noch bis zum 6. Oktober 2019 im Marta Herford zu sehen. Neben dem an der Kasse ausliegenden Ausstellungsguide gibt es dieses Mal noch einen Essay zum Thema als zweite Publikation.

Viele verschiedene Kunstformen

Ab sofort sind in Herford über 100 Malereien, Zeichnungen, Skulpturen, Fotografien, Installationen, Videos und Performances zu sehen. Die Schau fordere aber auch die Besucher auf, Haltung zu beziehen: "Bei Führungen und Workshops, aber vor allem auch innerhalb der Eingangsgalerie können sie das Gefühl des Schwankens und Fallens selbst erleben", hieß es.

Stand: 29.06.2019, 18:45