Abstinenz gegen die Online-Sucht

Abstinenz gegen die Online-Sucht 04:07 Min. Verfügbar bis 30.10.2020

Abstinenz gegen die Online-Sucht

  • Oliver Stegen ist computer- und onlinesüchtig
  • Jeder Kontakt mit einem Bildschirm kann einen Rückfall auslösen
  • Der Sprachwissenschaftler erzählt in dem Interview von seiner Abstinenz

Oliver Stegen ist 51 Jahre, lebt in Siegen und ist computer- und onlinesüchtig. Jeder Bildschirmkontakt kann einen Rückfall auslösen.

WDR: Wie sind Sie computer-und internetsüchtig geworden?

Oliver Stegen im Interview

Oliver Stegen im Interview

Oliver Stegen: Ich habe lange in Afrika als Sprachwissenschaftler gearbeitet. Anfangs vor Ort mit Menschen. Dann haben sich die Arbeitsumstände verändert. Die Arbeit fand nur noch am Computer statt.

WDR: Aber viele Menschen arbeiten acht Stunden am Computer und werden nicht anhängig?

Stegen: Ich habe meine Arbeit so gerne gemacht, dass Glückshormone ausgeschüttet wurden. Mein Körper brauchte immer mehr davon. Dann habe ich mir Hobbys gesucht, alle online. Romane geschrieben, recherchiert, Wikipedia-Texte geschrieben.

WDR: Wie lange waren Sie pro Tag online?

Stegen: Etwa 12 Stunden pro Tag, sechs Jahre lang. Auch im Urlaub. Alles drehte sich um das Online sein. Es wurde zur Sucht.

WDR: Wurde die Internet- und Computersucht richtig diagnostiziert?

Stegen: Ja. Ich war wegen etwas anderem in Behandlung. Dort hatte ich keinen Zugang zum Computer. Und da habe ich Entzugserscheinungen bekommen. Habe gezittert, geschwitzt, wurde nervös. In Gesprächen kam dann heraus, dass ich süchtig bin.

WDR: Und dann?

Oliver Stegen notiert handschriftlich etwas

Oliver Stegen notiert etwas handschriftlich

Stegen: Dann sollte ich nur noch zwei Stunden pro Tag am Computer arbeiten, aber das war eine Qual. Jetzt arbeite ich ohne Computer. Also handschriftlich, denn jeder Bildschirmkontakt kann einen Rückfall auslösen.

WDR: Das Arbeiten ohne Computer funktioniert?

Stegen: Nicht wirklich. Daher gebe ich meinen Beruf als Sprachwissenschaftler jetzt auf. Mein Arbeitgeber hat mir jetzt eine andere Stelle angeboten. Im nächsten Jahr arbeite ich als Hausvater in einem Kongresszentrum und kümmere mich um die Gäste.

WDR: Sie arbeiten dann nicht mehr als Sprachwissenschaftler, ist das schlimm?

Stegen: Anfangs dachte ich, dass geht doch nicht. Ich habe meinen Beruf schließlich geliebt. Das war schon schlimm. Aber da sieht man es. Ich habe mich zu sehr über meinen Beruf definiert. Dabei ich bin Oliver Stegen und nicht Sprachwissenschaftler.

WDR: Sie leben jetzt offline. Welches Probleme bringt das mit sich?

Stegen: Ich kann nichts googeln. Das nervt schon. Onlinebanking geht auch nicht. Das muss meine Frau machen. Auch Versicherungen oder Krankenkasse verweisen auf ihre Internetseite. Das wird immer mehr. Ich bin daher auf andere angewiesen, die für mich online gehen.

WDR: Wie passen Sie in eine Welt, die sich immer weiter digitalisiert?

Stegen: Das frage ich mich auch. Es muss doch einen Weg geben, dass digital vernetzte Menschen und Menschen ohne Internet zusammen existieren. Und den Weg suche ich jetzt. Ich gehe zu einer Selbsthilfegruppe, und eine Reha ist auch geplant. Ich hoffe, ich finde einen Weg.

Das Interview führte Julia Arns

Stand: 31.10.2019, 07:00