Erster Hebammengeführter Kreißsaal

03:17 Min. Verfügbar bis 25.02.2023

Enorme Nachfrage: Neuer Hebammenkreißsaal Lippstadt

Stand: 25.02.2022, 13:18 Uhr

Das Evangelische Krankenhaus in Lippstadt bietet seit Januar einen Hebammenkreißsaal an. Geburten finden allein unter Anleitung der Hebamme statt, ein Arzt wird nur im Notfall hinzugezogen. Inka Krohn leitet das neue Angebot, ist überwältigt von der Nachfrage und sagt im WDR-Interview: Das hat auch viel mit Zeitgeist zu tun!

WDR: Was ist anders in einem Hebammenkreißsaal?

Eine Hebamme im Behandlungsraum

Eine Hebamme im Behandlungsraum

Inka Krohn:  Wir Hebammen leiten die Geburt alleine. Das ist auch das Ziel, dass wirklich von Anfang bis Ende die Hebamme dabei ist. Ein Arzt kommt nur dann dazu, wenn die Hebamme entscheidet, hier geht es nicht mehr weiter. Oder die Schwangere das entscheidet.

WDR: Damit wird Ihr Beruf aufgewertet?

Krohn: Im Hebammenkreißsaal machen wir genau das, was wir gelernt haben und das, was unseren Beruf ausmacht: eine Geburt alleine führen zu können und auch zu dürfen.

Inka Krohn

Evangelisches Krankenhaus Lippstadt

Inka Krohn (44) ist in Gütersloh geboren und arbeitet seit 20 Jahren in Lippstadt. Sie ist gelernte Hebamme und leitet die Geburtshilfe am Evangelischen Krankenhaus in Lippstadt. In einem hebammengeführten Kreißsaal trägt sie seit Januar allein die Verantwortung für Geburten. Ärzte bleiben – im Idealfall – aussen vor.

WDR: Was bedeutet der Hebammenkreißsaal für die werdende Mutter?

Krohn: Eine Entbindung in sehr intimer Atmosphäre: nur das Paar, das kommende Baby und die Hebamme.

WDR: Es gibt bisher bisher nur wenige Hebammenkreißsäle in NRW. 2003 ging der erste an den Start. Jetzt will Minister Laumann 20 weitere einrichten. Warum setzt sich das Konzept so langsam durch?

Evangelisches Krankenhaus Lippstadt

Evangelisches Krankenhaus Lippstadt

Krohn: Ich glaube, das hat auch etwas mit Zeitgeist zu tun. Es gibt Paare, die wünschen sich einen Kaiserschnitt. Andere sagen, ich möchte Natürlichkeit. Und das werden mehr. Die sagen: ich möchte die Geburt erleben ohne medizinische Unterstützung – in einem geschützten Raum, nur mit einer Hebamme.

WDR: Sie sagen, 'Geburt ohne medizinische Unterstützung', was bedeutet das?

Krohn: Ärztliche Aufgaben fallen im Hebammenkreißsaal raus. Was also nicht geht, ist eine PDA – eine Rückenmarksbetäubung. Was geht ist Akupunktur, Homöopathie. Es gibt auch Schmerzmittel, die eine Hebamme geben darf.

WDR: Das EVK Lippstadt bietet seit Januar den Hebammenkreißsaal an. Wie wird das Angebot angenommen?

Evangelisches Krankenhaus Lippstadt

Krohn: Es geht durch die Decke. Damit hatten wir so nicht gerechnet. Viele Frauen haben ihr erstes Kind problemlos auf die Welt gebracht und sagen sich, warum soll ich dieses Angebot nicht annehmen.

WDR: Kann jede Frau im Hebammenkreißsaal entbinden?

Krohn: Wenn sie gesund ist und eine problemlose Schwangerschaft hat, ja. Risikoschwangerschaften gehen natürlich nicht. Auch wenn die werdende Mutter zum Beispiel Diabetikerin ist. Das klären wir alles in einem sehr umfangreichen Vorgespräch in der Zeit zwischen der 28. und 30. Schwangerschaftswoche ab.

WDR: Ist die Geburt in einem Hebammenkreißsaal sicher?

Krohn: Absolut. Das sage ich und das sagen die Ärzte. Sie dürfen nicht vergessen, wenn Not ist, ist der Arzt sofort da. Das ist das, was den Hebammenkreißaal im Krankenhaus so attraktiv macht. Wir möchten eine Alternative anbieten, sehen uns als Bindeglied zwischen Kreißsaal und Geburtshaus.

Das Interview führte Katja Brinkhoff.