Literatur aus Syrien – Begegnungen in einer neuen Gesellschaft

Foto: Ramy Al-Asheq

Literatur aus Syrien – Begegnungen in einer neuen Gesellschaft

Unter reger Teilnahme des literatur- und kulturinteressierten deutschen und arabischen Publikums fand am 8., 9. und 12. April das vom syrischen Archäologen und stadtbekannten Aktivisten Jabbar Abdullah organisierte und von sieben Einrichtungen, darunter die Stadt Köln, mitfinanzierte Fest „Literatur in Syrien“ statt.

Musik und Literatur

Am ersten Tag lasen, nach einer musikalischen Einleitung durch den Violinisten Hussam Ibrahem, Ibrahim Al-Jabin, Mohammad Matroud, Jabbar Abdullah und Harald Klein aus ihren literarischen Werken. Die jeweils deutsche Fassung der arabischen Texte trug der Schauspieler Thomas Krutmann vor. Der syrische Publizist Ibrahim Al-Jabin las aus seinem neuesten Roman „ain alsharq“ (Auge des Orients), während der Lyriker und Kritiker Mohammad Matroud Auszüge aus seinem noch unveröffentlichten Roman „shuruk alhawajiz“ (Schlingen der Zäune) vortrug. Dann las Jabbar Abdullah aus seinem Buch „alraqa ‘ala arrayn“ (Raqqa am Rhein). Harald Klein dagegen stellte eine Theaterperformance über den Orient vor, in der vor dem Hintergrund des vom Beduinenzelt geprägten Orientbildes vieler Deutscher traditionelle arabische Kleidung gezeigt wurde.

Die Veranstaltung wurde von der Journalistin und Übersetzerin Larissa Bender geleitet, und Firas Lutfi sorgte für die Simultanübersetzung. 

Foto: Ramy Al-Asheq

Ein Schritt nach vorn

Nach seiner Meinung zum Festival befragt, erklärte der Lyriker Mohammad Matroud: „Das Besondere an diesem Fest ist, dass es einem Labor gleicht, in dem deutsche und arabische Leser in Gleichklang kommen. Unterschiedlichste Leser fühlten sich angelockt. Das zeigte sich deutlich in der Wechselwirkung zwischen ihnen und den meisten Texten. Sowohl die Leser als auch die verschiedenen Autoren ließen sich auf diesen offenen Versuch ein, den durch Krieg und nicht enden wollenden zuckersüßen Sympathiebekundungen gesetzten Rahmen zu sprengen. Ich denke, dass dieser Versuch ein großer Schritt nach vorn war, damit syrische Literatur gelesen wird als eine Literatur, die nicht der Beliebigkeit verfallen ist, sondern den Gegebenheiten Widerstand entgegensetzt“. Er sagte aber auch: „Ich finde allerdings nicht, dass alle Teilnehmer mit der entsprechenden Sorgfalt und Kenntnis ihrer kulturellen Leistungen ausgewählt wurden. Insgesamt aber zeigte das Festival ein klares, seriöses Gesicht. Ich denke, beim nächsten Mal wird die Auswahl der Teilnehmer noch überlegter erfolgen, und wir lernen neue, für uns als Adressaten und für den deutschen Leser noch überraschendere Texte kennen. Im Allgemeinen ist es bei solchen zweisprachigen Festen ja so, dass mir mit dem entsprechenden Durchhaltevermögen der Nutzen aus den nur in Arabisch laufenden Aktivitäten erwächst.“

Auf die Frage, was das Festival ihm als Autor im Exil gegeben hat, gab er die Antwort: „Für mich selbst war das Festival eine gute Gelegenheit, einen langen Prosatext an einem Leser mit anderer Sichtweise zu testen. Das fließt in meine Wette auf diesen erzählerischen Dreh- und Angelpunkt ein, der über das Dichterische hinausgeht, sich aber nicht von ihm abkoppelt.“

[Ausschnitt aus einem Text des Dichters Mohammad Matroud]

Foto: Hazem Seimouaa

Der zweite Tag

Gäste des zweiten Tags waren Omar Kaddour, Lubna Yassen, Moustapha Aloushe, Lina Atfah, Christian Linker und Ramy Al-Asheq.  Auch hier lasen die verschiedenen Autoren aus ihren Werken. Die deutsche Fassung wurde wieder von Thomas Krutmann vorgetragen. Der Dichter Omar Kaddour las aus einem Prosatext mit dem Titel „wa anta, ma alaqatak bi umak“ (Und welche Beziehung hast du zu deiner Mutter?). Dann trug Lubna Yassen einen Text mit dem Titel „qamr wahid la jakfi“ (Ein Mond ist nicht genug) vor. Ihr folgten der Publizist Moustapha Aloushe mit „hunaka hayth alkhouf wa arraab“ (Dort, wo Angst und Schrecken sind) und die Lyrikerin Lina Atfah mit ihrem Gedicht „ala hamish alnajat“ (Fast eine Rettung). Der deutsche Schriftsteller Christian Linker las aus seinem Buch „Dschihad Calling“, während der Lyriker Ramy Al-Asheq sein Gedicht „thalath muhawalat liaqul: uhibik“ (Drei Versuche zu sagen: Ich liebe dich) vortrug.

Auch am zweiten Tag führte Larissa Bender durch das Programm und Firas Lutfi sorgte für die Simultanübersetzung.

[Auszug aus dem Gedicht „ala hamish alnajat“ (Fast eine Rettung) der syrischen Lyrikerin Lina Atfah]

Foto: Ramy Al-Asheq

Klischee

Im Gespräch mit ABWAB beantwortete Jabbar Abdullah unsere Frage nach dem Auswahlmodus: „Ich war es, der die Künstler nach Rücksprache mit Autoren ausgewählt hat.“ In seiner Eröffnungsrede sagte Jabbar Abdullah: „Mit Literatur bekämpfen wir Klischees. Mit Literatur überwinden wir die schwierigsten Probleme und Meinungsverschiedenheiten, und wir leben mit der Akzeptanz für den Anderen und dessen Akzeptanz für uns.“ Hier stößt er bei denjenigen auf Widerspruch, die sagen, dass die Auswahl der deutschen Autoren und ihrer Beiträge unter die Rubrik „Klischee“ falle. Der erste habe eine Wüstenlandschaft mit Beduinentrachten vorgestellt, was einem verbreiteten Bild von den Arabern entspräche. Der andere wiederum habe über den IS gesprochen. Das sei das Erste, was einem Europäer in den Sinn komme, wenn das Wort „Syrien“ falle.

Dieser Meinung begegnet Jabbar Abdullah mit dem folgende Argument: „Ich habe versucht, deutsche Autoren zu finden, die sich in ihren Werken mit der Lage in Syrien beschäftigen. Diesbezüglich sind die beiden Schriftsteller genau richtig. Dass ich beide gut kenne, hat mir die Aufgabe natürlich erleichtert.“ Er fügt hinzu: „Mancher mag annehmen, dass das, was Klein gezeigt hat, ein Klischee sei. Allerdings hat er von Anfang an betont, dass das nur einen kleinen, speziellen Teil Syriens ausmache. Ich selbst kenne diese Gegend und ihre Bewohner. Es sind einfache Leute, die weit entfernt von den Städten ihr eigenes, isoliertes Leben führen.“

Dieses Festival ist nicht das erste seiner Art. Im vergangenen Jahr fand bereits ein von Mohammad Matroud und Jabbar Abdullah organisiertes Syrisches Poesiefestival statt. Jabbar Abdullah verweist darauf, dass das diesjährige Festival nicht das letzte gewesen sein soll. „Das nächste Projekt wird in mehreren deutschen Städten stattfinden, und zwar unter deutscher und internationaler Beteiligung.“ Abschließend sagt er: „Ich möchte allen Beteiligten und all jenen, den Syrern und den Deutschen, danken, die mit ihrer Unterstützung zum Erfolg des Festivals beigetragen haben.“